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Die Antibalas und Felas Timekeeper

Text: Kerstin Kellermann | 04.07.2014
Sharon Jones, Charles Bradley und die Antibalas in der Daptone Soul Revue, Jazzfest Wien, Staatsoper, 2. 7. 2014. Die subjektive Prolo Schlagzeug Kolumne

So lustig, wie der Frontman der Antibalas einen der Bläser, der sich steif macht, nach vorne ans Mikrophon trägt, samt seinem Instrument, als ob er eine Pappfigur wäre. Klein schaut die Wiener Staatsoper heute aus, gefüllt mit Klängen und Tönen. Many musicians on stage! Die Daptone Soul Revue passes by. Kung Fu Fighting-Man Amayo macht Faxen in seinem strangen orange-hellgrünen Anzug. Der als Jugendlicher in Lagos in Fela Kutis Klub The Shrine tanzte. Frontman und Sänger Amayo spielt aber auch immer wieder selber Rhythmus mit - mit einem Stock auf eine Glocke, lakonisch, dingding, metallisch - direkt ins Ohr seines jungen ungestümen, übermütigen Schlagzeugers Miles Arntzen, wohl um ihn anzuregen, wieder mehr auf Afrobeat zu kommen. Mehr Tony Allen und weniger Ringo Starr, weniger Star und mehr Mannschaft - in der sozialpolitischen Tradition der Antibalas. Diese Bläser sind das Beste, die steigern sich rein und bei den ausgedehnten Soli muss man einfach shaken, es nutzt nichts. Whow. So unterschiedlich die Melodie-Mentalitäten und Vorstellungen der Bläser-Partie sind, jeder einzelne hat's drauf. Afrobeat! Einmal, bei einem besonders afrikanischen Song, tanzt Amayo wie ein Vogel, macht die klassischen Bewegungen, die immer schneller werden. Fast hebt er ab.
Im Jahre 2004, am Potsdamer Platz in Berlin, war ich eher skeptisch gewesen in Bezug auf eine Band, die in New York lebt und sich auf Afrobeat rekurriert. Denn Tony Allen hatte mir 2002 im Interview erklärt, dass Bands wie Daktaris, Antibalas oder Massak, wie Fela spielen wollten, den Stil von Egypt 80 imitierten, »aber sie sind Amerikaner. Das einzige Problem, das sie haben, liegt im Rhythmus. Sie können nur den richtigen Sound erreichen, wenn sie diszipliniert arbeiten. Ein Schlagzeuger ist ein Schwerarbeiter, nicht nur ein Künstler«. De facto tanzte aber das gesamte Berliner Publikum wie wild den ganzen Abend zur Antibalas-Musik und ich übertrug via Handy den Sound direkt nach Wien.

Energiesparmaßnahme ohne Kampfstiefel
In der Staatsoper Wien präsentierte Daptone Records in einer Show sein Label, brachte eine tolle altmodische Reise quer durch seine MusikerInnen, die alle unter Vertrag sind - die Daptone Soul Revue. Mit dem sehnsüchtigen Charles Bradley, der sich in einem blauen Overall ins Zeug schmiss, aus der alten Soul-Schule, mit seinen Liebes-und Schmuseballaden. Sein Schlagzeuger kroch immer mehr hinein in sein Schlagzeug, verschwand fast darin, behielt aber den alten Faun im Auge.
Überhaupt sind die beiden Schlagzeuger des Abends auf Durchhalten eingestellt, sie spielen ohne Dekorationen einen geraden Rhythmus durch, der erste im schwarzen Anzug mit schmaler, schwarzer Krawatte noch die Triolen auf der Hi Hat, der zweite überhaupt nur noch gerade durch, der spart sich die Triolen. Mit festen Schlägen von oben herunter. Energiespar-Maßnahme. Gar keine Jazz-Haltung der linken Hand. Salon-Schlagzeuger, Show-Schlagzeuger, Berufs-Schlagzeuger, einer der auf Hochzeiten spielt und auf Begräbnissen, der seine Trommeln gar nicht mehr anschaut, Italiener und sicher Linkshänder.
Zusätzlich ein großes, fleißiges Trommel-Rhythmus-Geschwader mit wechselnden Personen, die hinter ihren großen Trommeln verschwinden. Plötzlich eine schwarze Frau, die herum kurvt auf der Bühne, nicht still stehen kann, wie ein kleiner Fitschi-Ball in einem silberblauen Kleid, much Elan bringt. Plötzlich steht der ganze Saal wie ein Mann auf und tanzt. Erstaunlich mitreißend. Fast wie eine Punk-Lady von der Energie her, aber ohne Kampfstiefel. Hoch hüpfen und singen gleichzeitig! Trotzdem kann ich nicht vergessen, dass Sharon Jones Gefängniswärterin war und Menschen manövrieren kann. Sie holt sich einzelne Männer auf die Bühne, mit denen sie tanzt, die blamieren sich aber nicht, sondern machen erstaunlich gute Figur. Österreicher! Können sich abgrenzen von dieser überbordenden Energie und gleichzeitig selber shaken.

Felas und andere Timekeeper
Tony Allen verhalf dem Afrobeat, aus der Tradition der westafrikanischen Musik mit ihrer spezifischen polyrhythmischen Klangstruktur heraus zum Durchbruch - mithilfe elektrisch verstärkter Instrumente. »Fela Kuti war ein engagierter Mann, der mit seiner Musik gegen die Regierung kämpfte, er thematisierte die gewaltsamen Einsätze von Polizei und Armee gegen die nigerianische Bevölkerung«, betonte er in Wien und erzählte, dass er anfangs als Radiotechniker arbeitete. Als aber »Musik ein Teil meines Körpers zu werden begann« und Allen entdeckte, dass das Schlagzeug »das einzige Instrument ist, das magische Kräfte hat«, hörte er sechs Wochen lang auf zu spielen, um nicht noch besessener zu werden. »Dann versuchte ein Musiker von Abu Norin and the Hit Waves erfolgreich eine Woche lang, mich zum Weiterspielen zu bewegen. Seitdem spiele ich ohne Pause«. Er regte viele Schlagzeuger an. »Don't take my kindness for weakness!«.

Sharon Jones bringt inzwischen in der Staatsoper klassische Songs aus der Soul Revue von 1966 bis 70, ihr Schlagzeuger bemüht sich, ihr zu folgen. Die Anzugjacke ist weg, die Ärmel des weißen Hemdes sind aufgekrempelt. Auch der kleine Herr mit Brille an den hohen Percussion-Trommeln schaut etwas gestresst aus. Ich kann mich aber nicht mehr konzentrieren - zu afrobeatlastig beeinflusst, meine Gehör- und Gehirnwindungen. Man möge mir verzeihen, dass ich mit dem Beginn des Songs »Goldfinger« von Shirley Bassey die Staatsoper verlasse. Bitte jetzt keine James Bond-Bilder vor meinem inneren Auge. So verpasse ich das große Finale der Daptone Soul Revue« mit allen MusikerInnen auf der Bühne. Aber ich musste dringend nachschauen gehen, ob mein Schlagzeug noch da ist.

Text: Kerstin Kellermann | 04.07.2014

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