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AV Festival Newcastle

Text: Jonas Kiß | 08.04.2014
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Nachhaltige Eindrücke von der wichtigsten Biennale für Medienkunst in England, die im März in Newcastle stattfand.

»Don't you wonder sometimes about sound and vision?«
David Bowie

»Ich merke es genau doch kann es kaum glauben / Wir werden verwundet durch das was wir sehen«
Tocotronic: »Free Hospital«

Ich sitze in meinem Zimmer. Draußen fahren Autos und Straßenbahnen vorbei. Über mir spielt jemand Trompete. Schon früher habe ich sehr bewusst nicht nur gesehen, sondern auch gehört. Was um mich herum passiert. Das Treiben auf der Straße, schwierig mich zurück zu erinnern an das Rauschen des Ozeans, noch vor kurzem an der englischen Küste in der Gegend von Newcastle.

 

Sound und Vision

Oft korrespondieren diese zwei Elemente miteinander. Sie müssen es aber nicht zwingend. Wie beim AV Festival, wobei AV für Audio Visuell steht. Das AV Festival ist die größte Biennale für Medienkunst in England: Zeitgenössische Kunst, aber auch experimentelle Musik und Dokumentarfilme finden hier ein Forum.

Ich war dieses Jahr zum ersten Mal da und konnte auch nicht das komplette Festival erleben. Seit 2012 geht es einen ganzen Monat lang. Damals war das Thema »As slow as possible«, benannt nach einem Stück von John Cage. Durch die Verlängerung des Festivals auf einen ganzen Monat wurde also auch die Zeit in die Länge gezogen. Dieses Jahr ist das Motto »Extraction«, was soviel heißt wie Abbau, und im engeren und weiteren Sinne den Abbau von Bodenschätzen meint.

Kuratorin Rebecca Shatwell versucht also auch dieses Jahr einen großen Bogen zu spannen. Weit unter der Oberfläche des Bodens bis hinauf jenseits der Oberfläche. »As Slow as Possible« wirkte 2012 auf den ersten Blick interessanter, schien es doch eine Reflexion über unsere gehetzte Gegenwart zu sein, in der Zeit Geld ist. Doch auch »Extraction« geht progressiv an die Sache ran und ist aktueller denn je. Gerade in Zeiten von Fracking und Gasimporten aus Russland. Rebecca Shatwell dazu: »Jedes Thema scheint immer lokal verhaftet bzw. verwurzelt zu sein. Also gibt es immer einen Zusammenhang mit der Landschaft, den Plätzen und Sounds hier. Denn wir wollen nicht einfach nur Sachen einschiffen lassen. Also reagiert jedes Festival auf den Kontext hier.«

»Extraction« ist auch nicht ohne Grund das Thema im Nordosten Englands, einer Region mit einer langen Geschichte und Tradition von Kohlebergbau. Heute ist das tatsächlich Geschichte. Die letzten Minen sind geschlossen. Die Förderung von Bodenschätzen in und um Newcastle gehört endgültig der Vergangenheit an. Eine Vergangenheit, die durch den Abschluss-Event des Festivals wieder ins Leben gerufen wird und gar nicht all zu lang her ist. Vor dreißig Jahren gab es in England einen Streik von ungeahnten Ausmaßen. Die Bergbauarbeiter aus ganz England streikten fast ein Jahr und versuchten damit gegen die Gewerkschaftsfeindliche Margaret Thatcher zu protestieren.

 

Industrielle Klänge und die Geschichte des Bergbaus

Das Jubiläum dieses Streiks ist ein Anlass für die Band Test Department wieder aufzutreten. Der erste Test Department-Gig in diesem Jahrhundert. Die Industrial-Band hatte sich eigentlich 1997 aufgelöst. In den 1980ern waren sie so etwas wie das englische Pendant zu den deutschen Einstürzenden Neubauten. Und Test Department waren immer sehr politisch. So nahmen sie z. B. 1985 zusammen mit dem South Wales Striking Miners Choir die Platte »Shoulder to Shoulder« auf.

Auch Cabaret Voltaire war eine experimentelle und prägende Wave-Band aus den 1980ern, die sehr weit in den elektronischen Raum vordrang. Chris Watson, Gründungsmitglied von Cabaret Voltaire, arbeitet heute als Sound Recorder für u. a. BBC 4 oder auch für Filmprojekte. Daneben nutzt er seine Feldaufnahmen für seine eigenen Kunstwerke bzw. Klangcollagen. Er hat seine Nische sozusagen gefunden. Einmal rief ihn Yoko Ono an, weil sie ein spezielles Möwengeräusch haben wollte.

Diese Möwengeräusche und andere Klänge präsentierte Watson auf seinem Soundwalk. Ein Spaziergang entlang einer der schönsten Küsten Nordenglands mit Fokus auf den Klängen und Geräuschen, die einen dort umgeben. Dafür installierte Watson beispielsweise Kontaktmikrophone im Inneren eines Baumstammes. Auf einmal konnte man die Welt aus der Sicht eines Insekts hören. Die Sounds im Inneren des Baums waren laut wie in einer U-Bahn und reagierten auf die Vibrationen und Erschütterungen der Außenwelt um den Baum herum.

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Sounds unter der Oberfläche

Chris Watson ist an den Geräuschen unter der Oberfläche interessiert. Er extrahiert diese also aus ungewohnten Umgebungen. Mikrosounds, die wir normalerweise nicht hören. Da Soundwalks zum Trend geworden sind und immer mehr Leute sich ein Audio-Aufnahmegerät zulegen, drängte sich die Frage auf, ob vielleicht in der Kunst und im Kino eine Art Wechsel zu beobachten ist? Weg vom Visuellen, hin zum Auditiven. Gerade in einer Zeit, in der wir mit visuellen Informationen total überflutet sind.

»Ich glaube, dass die Menschen generell inzwischen mehr interessiert an Klängen sind. An den Geräuschen, die sie umgeben. Die Menschen werden sich ihrer akustischen Umgebung bewusst. Das ist eine sehr schätzenswerte und wichtige Sache. Das Nachdenken darüber was sie mögen und was sie nicht mögen, eine Art Kontrolle über ihre Sound-Umgebung. Als Konsequenz wollen sie sie auch erfassen oder abfangen. Sound ist offensichtlich wichtig für uns. Denn er hat diese beachtenswerte Kraft, uns zurück zu Plätzen und Orten zu bringen. Ich denke, Sound, zusammen mit unserem Sinn fürs Riechen, hat diesen sehr kraftvollen Effekt, den das Visuelle nicht wirklich hat. Es schließt alles mit ein, es ist sehr dreidimensional. Der nächste Schritt ist natürlich, dass die Leute es selbst erforschen wollen. Sie machen ja auch ständig Fotos mit ihren iPhones. Leute wollen nicht nur zuhören, wie hier beim Soundwalk, sondern auch ihre eigenen Aufnahmen machen. Weil sie merken, wie wertvoll und von Bedeutung diese Aufnahmen sind.«

So die nüchterne Betrachtung von Chris Watson. Er verfällt also nicht in eine Utopie, nach der das Gehörte eine solch immense Bedeutung hat, dass es das Visuelle in näherer Zukunft verdrängen würde. Aber immerhin findet ein gewisser Bewusstseinswandel statt.

 

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Auch der Japaner Akio Suzuki, ein alter Kollege von John Cage und ebenso ein Pionier in Sachen Soundart arbeitet mit Klängen. Für das AV Festival hat er Newcastle, also die Stadt, klanglich erforscht. Bei sogenannten Oto-Dates, die er auch schon in Köln, Berlin, Turin und vielen anderen Städten gemacht hat. Dabei hat Suzuki ein Netzwerk aus verschiedenen Spots innerhalb des Stadtkerns gesponnen, die man als Besucher ablaufen kann. Wenn man sie denn findet. Die markierten Punkte sind oft an ungewöhnlichen Orten platziert, das kann auch schon mal in einem Hinterhof oder unter einer Brücke sein.

Dort kann man dann gewissen Klängen lauschen. Dem Echo des Alltags. In der Mappe zum Oto-Date sind Erläuterungen zu den Sound-Umgebungen am jeweiligen Ort. Eine gute Gelegenheit, die Stadt auf ihre Klanglandschaften hin zu erforschen. Im Gegensatz zu Chris Watson und den eher ruhigen Natur- und Meeresgeräuschen wird es bei Suzuki urbaner: Lauter Verkehrslärm, Möwengeschrei und human traffic sind an den Plätzen zu hören. Das Logo für die Stencils ist übrigens eine Mischung aus Füßen und dem Ohr von John Cage, das Suzuki einst abgezeichnet hat.

 

Digging for Sound

Musikalischer wurde es zwischendurch auch. Richard Skelton trat mit dem Elysian Quartett auf, ein auf zeitgenössische Musik spezialisiertes Streichquartett. Die Location für diesen Auftritt war besonders schön, aber auch besonders kalt: er führte sein Werk in einer kleinen Kirche auf. Dort wurde man extra eine halbe Stunde mit dem Bus hingefahren. Es war eine sternenklare Nacht und auch der Sound in der Kirche war mehr als klar. Die tatsächliche Kälte wurde ausgeglichen durch einen sehr warmen Sound. Richard Skelton und das Quartett spielten eine Stunde. Sehr sphärisch und dynamisch entwickelte sich ein Hörerlebnis. Das auch wieder auf die Landschaft in England reagierte. Flüsse spielen eine große Rolle in Skeltons Werk. So lag dann auch die Assoziation an Wagners Klangteppiche nahe. An das »Rheingold«. Wo wir wieder bei Bodenschätzen wären.

Zurück in Deutschland. Auch Ich habe mir ein paar Sounds mit nach Hause genommen. Wenn ich die Augen schließe und mir die Sachen anhöre, dann werde ich zurück nach England versetzt.


Text: Jonas Kiß | 08.04.2014

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