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Pamelia Kurstin über Möbel mit Midi-Funktion

Text: Sandra Voser, Michael-Franz Woels | 03.01.2014
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Pamelia Kurstin © David Višnjic
Das Theremin ist eines der ältesten elektronischen Instrumente. Pamelia Kurstin ist eine Virtuosin auf diesem ungewöhnlichen Instrument. Die umtriebige Musikerin lebt mittlerweile mit Familie in Wien und hat anlässlich ihres Salon-skug-Gigs mit ihrer Band Blueblut am 12.02.2014 im Wiener rhiz einiges zu erzählen.

skug: Sie haben bis 2005 in New York gelebt und sind dann nach Wien gezogen. Wie erleben Sie die hiesige Musikszene?
Pamelia Kurstin:
Anfänglich habe ich hier viele Solo-Sachen gemacht. Mit der Zeit sind dann verschiedene Zusammenarbeiten entstanden: etwa mit dem Gitarristen Karl Ritter oder dem Akkordeonisten Otto Lechner. In Hans Tschiritschs Klangkarawane habe ich außerdem Cello gespielt. Er erschafft all diese neuen, ungewöhnlichen Instrumente und komponiert am liebsten im Neunteltakt. Seine Stücke sind meist ausgeschrieben.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger Marc Holub und dem Gitarristen Chris Janka im aktuellen Projekt Blueblut?
Ich wurde im Frühjahr 2013 angefragt, einen Gig im Rahmen des vierten Roomservice Festivals im Porgy & Bess zu spielen. Zu dem Zeitpunkt gab es Blueblut noch nicht. Mit Chris bin ich einige Male im Duo aufgetreten und Marc kannte ich über einen anderen guten Drummer aus London. Nach kurzem Überlegen bin ich auf die beiden damals zugegangen mit der Idee, in einer Probe zusammen zu improvisieren. Und nach dem ersten Mal war klar: Oh, we have to keep doing this! Bis zum Vienna Roomservice hatten wir dann genug Zeit, um zusammen an neuen Ideen zu arbeiten.

Ihr Thereminspiel ist oftmals Bassbegleitung. Woher kommt diese Spielart des Walking Bass?
Ich habe lange Kontrabass gespielt, und als ich dann mit dem Theremin angefangen habe, übernahm ich einfach die Basslinie. Mit fünfzehn Jahren hatte ich in der High School begonnen Kontrabass zu lernen. Davor hatte ich Flöte in der Blaskapelle und Cello im Schulorchester gespielt. Das Musiklehrangebot an meiner Schule war damals sehr vielfältig. Als Kind war ich ja eigentlich von der Geige fasziniert. Dann kam das Angebot meines Lehrers, Bratsche zu spielen, und ich nahm es an - Hauptsache etwas Geigenähnliches. Als es dann einmal zu wenig Kontrabassisten gab, habe ich kurzerhand damit angefangen. Später wurde ich gefragt, ob ich nicht auch noch in der Jazzband mitmachen möchte. Ich habe ebenfalls zugesagt. So bin ich beim Bass geblieben, aber auch immer gerne dort eingesprungen, wo ein Instrument fehlte. Ich bin durch das ganze Spektrum der Saiteninstrumente gewandert.

Haben Sie danach eine höhere Musikausbildung absolviert?
pammy.jpgNein, nein. Ich habe einfach weiter Musik gemacht. Aber es gab auch Unterbrechungen. So habe ich zwei Jahre ohne Instrumente auf einer Farm in Indiana gewohnt. Später dann bin ich zurück nach Kalifornien, weil ich wieder Musik machen wollte. In L. A. spielte ich viele Jazz Gigs. In South Central L. A., wo man sich nachts besser nicht herum getrieben hätte, fanden diese fantastischen Jam Sessions statt, die um zwei Uhr nachts begannen und bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Für viele Musiker war das ein wichtiger Treffpunkt nach ihren Konzerten. Man trug sich in eine Liste ein und wurde nach dem Zufallsprinzip zum Spielen aufgerufen. So lernte ich viele Musiker kennen und langsam, aber sicher kam der Stein ins Rollen. Durch Greg Kurstin, damals ein Jazzpianist, stieß ich mit dem elektrischen Bass zur Band Geggy Tah. Einer der Bandmitglieder sah damals den Dokumentarfilm »Theremin - An Electronic Odyssey« und meinte zu mir: »Hey, das musst du sehen! Vielleicht findest du eins und lernst es spielen!«

Erfährt das Theremin seit den 1990er Jahren eine Art Renaissance?
Ja, auf jeden Fall. Ich denke, das ist nicht nur auf den Dokumentarfilm »Theremin - An Electronic Odyssey« an sich zurückzuführen, sondern auch im Zusammenhang mit der explosiven Verbreitung des Internets zu sehen. Als ich das Theremin 1997 das erste Mal in diesem Film sah, war mir sofort klar, dass ich es unbedingt ausprobieren möchte. Lange Zeit spielten nur einige wenige Theremin, weil es relativ unbekannt und so schwer zu kontrollieren war. Komponisten waren zwar daran interessiert, den Klang zu verwenden, doch oftmals war das Thereminspiel insofern limitiert, als dass das Instrument nicht gut beherrscht wurde. Selbst der Erfinder des Theremins, Lev Termen (später Leon Theremin) beherrschte lediglich einige einfache Melodien für Demonstrationszwecke. Clara Rockmore, die sehr früh auf das neue Instrument aufmerksam wurde, trieb die Entwicklung des Instruments vorwärts, indem sie etwa ein nach Wunsch gefertigtes Theremin mit Lautstärkenregelung in Auftrag gab. Mitte der 1970er wurde Bob Moog der Virtuosin vorgestellt und reparierte ihr Theremin. So sah er zum ersten Mal dieses Instrument. Das hatte einen grossen Einfluss auf die Instrumente, die er später baute.

John Cage lehnte anfangs das Theremin ab, mit der Begründung, dass es als Instrument verwendet wird, um andere Instrumente zu imitieren. So würde auf dem Theremin Zensur ausgeübt. Wie ist Ihr Zugang dazu?
Der Klang erinnert tatsächlich stark an Saiteninstrumente, mutet aber gleichzeitig ganz anders an, mehr singend. Ursprünglich spielte ich es ebenfalls so, als wäre es ein Saiteninstrument. Denn nachdem ich nicht mehr in der Schule war, hatte ich keinen Zugang zu Cellos, Geigen und so weiter. Bei Bandaufnahmen begann ich also Teile, die ich eigentlich fürs Cello geschrieben hatte, mit dem Theremin zu spielen. Das Theremin war für uns damals quasi ein Arme-Leute-Saiteninstrument. Es war ja auch schon für 300 Dollar zu haben und daher natürlich viel günstiger als eine Geige. Es hat auch mehrere Stimmlagen. Das fand ich praktisch, weil es einem ermöglicht, in verschiedenen Oktaven zu spielen.

Sie spielen heute auf einer Spezialanfertigung. Wie unterscheidet sich diese von anderen Thereminen?
Davor hatte ich das Modell »Moog Ethervox«. Ein großes Möbelstück mit Midi-Funktion, die ich jedoch nie verwendete, weil ich damals noch nicht recht wusste, wie das geht. Aber als Theremin war es toll, weil es einen breiteren Tonumfang und eine gute Steuerbarkeit hatte. Zum Transportieren war es jedoch die Hölle. Erstens war es nicht gebaut, um auseinander genommen und wieder zusammengesetzt zu werden. Und zweitens musste ich alles in eine Box verpacken, die ich alleine nicht tragen konnte. Es war kompliziert und auch immer ein großes Risiko - die Treppe hinunter, in den Kofferraum eines Taxi, zum Gig und wieder zurück. Also fragte ich Bob Moog, ob es möglich ist, ein portables Theremin mit der gleichen Qualität zu bauen. Er begann zu tüfteln. Die Form veränderte sich, er nahm ein kleineres Gehäuse und machte es transportierbar. Es kamen auch neue Features dazu, die praktische Verbesserungen beim Spielen bedeuteten. Dadurch kann ich nun viel schneller zwischen Höhen und Tiefen hin und her wechseln, wofür ich früher Pausen machen musste.

Und was haben die Pedale auf sich, die Sie bei Ihren Auftritten verwenden?
PameliaKurstin_ThinkingOutLoud.jpgIch begann 2003 mit Pedalen zu arbeiten, als ich zum ersten Mal einen Solo-Auftritt hatte. Ich wurde angefragt, bei der Eröffnung eines Planetariums zu spielen und sie wollten etwas Interaktives, das auf die Visuals Bezug nimmt. Da ich für den Gig nicht so gut bezahlt wurde, dass ich es mir hätte leisten können, andere Leute anzuheuern, beschloss ich, alleine aufzutreten. Ich hatte erst keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen könnte. Klar hätte ich eine Stunde monophone Melodien spielen oder eine CD mit Hintergrundbeschallung einwerfen können. Aber ich fand das billig und wollte lieber etwas Neues ausprobieren. So begann ich mit Pedalen Loops zu kreieren. Zum Glück blieben mir einige Monate, um zu proben. Lustigerweise meinen heute viele, dass ich mit einem Backing Track arbeite, wenn ich solo auftrete.

Geben Sie auch Theremin-Unterricht?
Ja, ich gebe Privatlektionen. Schon Jahre bevor ich nach Wien gezogen bin, habe ich hier einen Workshop abgehalten. Seither werde ich immer wieder für Einzelunterricht angefragt. Aber ich empfehle, keine regulären Stunden zu nehmen, denn alles, was es beim Theremin braucht, ist ein Einstieg, ein paar technische Informationen, einfach eine Erklärung, wie alles funktioniert. Meistens dauert es dann sechs Monate oder ein Jahr bis jemand auf mich zurückkommt und nicht mehr alleine weiterweiß.

Wie sieht dieser Einstieg aus? Sie haben einmal gemeint, dass man Theremin-Spielen sehr mit Yoga vergleichen kann. Man steht still und darf sich nur sehr kontrolliert bewegen.

Und Theremin spielen und gleichzeitig singen?
Das geht. Aber ich bin keine Sängerin.

Das Theremin ist ja bekannt für seinen Glissando-Effekt. Wie kommt jedoch das Staccato-Spiel zustande, das Sie ja zum Beispiel auch für ihre Spielart des Walking Bass verwenden?
Du kreierst mithilfe der Lautstärken-Hand eine Illusion. Es ist quasi der Versuch, das Gleiten der Tonlage zu verstecken. Wenn sich deine Tonhöhen-Finger sehr schnell zum höheren Ton bewegen können und du dies mit der anderen Hand koordinierst, mit der du die Lautstärke steuerst, dann kannst du Notenschritte simulieren.

Sie haben Ihren Namen von Pamela in Pamelia geändert. Wie kam es dazu?
Ich war mit einem Freund in einem Geschäft. In der Schlange vor der Kassa stehend, griffen wir nach einem Namensbuch und suchten unsere Vornamen. Neben Pamela stand auch Pamelia. Das fand ich derart toll, dass ich mich ab sofort so nannte. Ich verliess den Laden also mit einem neuen Namen. Was ein grosses Glück war, denn im Internet gibt es kaum andere Pamelias.

Sie haben ein Spezialprojekt am Burgtheater angekündigt . Können Sie uns schon etwas darüber erzählen?
Ja, der Perkussionist Peter Rosmanith hat mich da an Bord geholt. Dabei geht es anscheinend um ein Projekt, bei dem wir die Musik für Karl Kraus' »Die letzten Tage der Menschheit« konzipieren. Ich kenne den Text noch nicht und bin schon neugierig auf die Umsetzung. Die Aufführung ist im Juni 2014 geplant.




Mittwoch, 12.02. 2014
Blueblut (Pamelia Kurstin, Marc Holub, Chris Janka) und
Outer Vertex (Eric Arn, Christoph Weikinger)
live beim Salon skug im Wiener rhiz »details 



Text: Sandra Voser, Michael-Franz Woels | 03.01.2014

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