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Ungeordnete Hörverhältnisse

Text: Curt Cuisine | 11.10.2013
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Foto: Dieb13 by Levente Kozma
Erlesene Neuerscheinungen auf Vinyl (und einmal CD) für Freunde schriller und anspruchsvoller Sounds. Feat. Frederik Schikowski, Hontatedori, »Innere Blutungen«, Sun Papa.

Die CD schwächelt, nein, stirbt, die LP hingegen freut sich umso mehr bester post-pragmatischer Gesundheit, ist sie doch mittlerweile weniger Soundtransportbehelfnis als Kleinod und Zierde für die Freunde des Sammelns, die nebenbei auch noch etwas mit Musik anfangen. In Teil 2 unserer Reihe LP-Empfehlungsserie »L'avant schrill« geht es erneut um anspruchsvolle Vinyl-Releases, die en passant auch das Sammlerherz erfreuen.

Frederik Schikowski: »In geordneten Verhältnissen«
Diese entzückende Elektrokunststoffmusik hat gut zehn Jahre auf dem Buckel - solange suchte der Berliner Frederik Schikowski nach einem risikofreudigen Label dafür. Das verwundert insofern, als »In geordneten Verhältnissen« nach einer verspäteten Lektion in Sachen Gameboymusic klingt. Und die Zeichen der Zeit standen eindeutig schon mal besser für diese Art von Musik. Umgekehrt rattert Schikowskis Musik so fröhlich und beschwingt wie ein Quietschentchen auf Synthetikdroge durch die Gegend. Das ist wirklich nett anzuhören, aber nicht unbedingt das lange erwartete Meisterwerk, sondern nahe an der 2008 erschienen 10-Inch »Was hat das mit mir zu tun?« - die ebenso quirlig war. Was diese Mini-LP zum Kleinod macht, ist das herrliche Cover von Norbert Bayer. Außerdem muss jeder aufrechte Freund schriller Musik mit Hang zum Wortwitz eine LP vom Label Sozialistischer Plattenbau haben!

Hontatedori: »s/t«
Die Schikowski-LP ist mit einer Auflage von insgesamt 430 Stück ein rares Vergnügen, die sensationell schön gestaltete Platte der japanischen Band Hontatedori ist mit 270 Stück sogar noch erlesener. Die Hülle ist eigentlich ein Schuber mit diagonaler Falte, darin findet sich eine mit Bleistift hingeworfene Vermengung von Skizze, sowie japanischen und englischen Credits. Die Lyrics gibt's extra auf einem Sonderpapier, außen glatt, innen rauh. Ein bisschen so ist auch die Musik der beiden Gitarristen und Multiinstrumentalisten Taku Unami und Tetuzi Akiyama. Man denkt anfangs an eine Art fernöstlichen Folkjazz mit irrlichternden Momenten (als hätten die beiden Herren ihre Musik über ein eierndes Kassettentape eingespielt), wäre nicht auch noch die Sängerin Moé Kamura mit an Bord. Über weite Strecken dominieren auf »Hontatedori« jazzig angehauchte Chansons im Fahrwasser der japanischen Folklore (auch angesichts der schmachtend-reduzierten Texte), aber dann rumpelt wieder der Bass ziemlich brainfunky dazwischen oder eine Instrumentalpassage reduziert das Tempo gegen Null, was insgesamt ein schön abgedrehtes Hörerlebnis ergibt. Innerlich, verhalten und doch ein wenig niedlich. Dazu passt, dass am Ende gar noch das »Bookends Theme« von Paul Simon durchschimmert.

Zwei Soundtracks
Gar nicht mal schlecht zu den bisher erwähnten LPs passt der ebenfalls auf Vinyl erschienene Soundtrack zum Film »Innere Blutungen« von Anatol Bogendorfer und Florian Sedmak, der aus über 240 Stunden Amateurfilm-Material eine Zeitreise ins Salzkammergut der Wirtschaftswunderzeit destilliert. Den Soundtrack bestreiten neben Co-Regisseur Sedmak (der einst auch bei den Hardcorepunkern Kurort spielte) vor allem der Linzer Soundkünstler Andreas Kurz (die beide stark auf die sphärische Soundinstallationskarte setzen), sowie die aus der Volksmusik-Ecke stammenden Gosinger Geignmusi, die Ischler Seitlpfeifer und Martin Neureiter. Diese eigenwillige Zusammenstellung ergibt eine erfreulich eigenständige Tonspur, die auch ohne dazugehörigen Film eifrig die Assoziationstrommel beim Hörer anschlägt. Ein demgegenüber fast eindimensionales, dafür hinterfotzig reduziertes Sounderlebnis liefert der Soundtrack zu »Josée Andrei, An Insane Portrait« von Fabrizio Terranova, umgesetzt von Sun Papa & The Fan Club Orchestra. Dahinter verbirgt sich zweimal extreme Schrillness, denn Terranovas Film dreht sich um eine blinde Künstlerin, die auch den Mächten der Jahrmarktsmagie offenbar nicht ganz abgeneigt ist. Die Musik dazu wiederum ist meilenweit von einem Orchester entfernt, sie stammt von der Bassistin Sage Ann (Appermans) und dem Soundtüftler Laurent Baudoux, der sich an diversen Synthesizern und Drum-Computern vergreift (nicht zuletzt kommt auch »Mario Paint« zum Einsatz). Wir sind also, siehe Schikowski, wieder beim Quietschentchenpop gelandet, was ja nie ein Fehler ist. Schade nur, dass die LP in visueller Hinsicht eher schludrig umgesetzt ist, da präsentiert sich »Innere Blutungen« wesentlich ansprechender.

Dieb13: »Trick17«
Ebenfalls wunderschön gestaltet und absolut erlesen (mit einer handnummerierten Auflage von 300 Stück) ist die neue LP »Trick17« von Dieb13 bzw. dem Wiener Turntable-Improvisator Dieter Kovacic, von dem im skug erstmals vor 13 Jahren zu lesen war und der auch seither ein nimmermüder Kollaborateur und Schaffender in der Wiener Experimentalszene geblieben ist. Seine Platte schickte er mit der Quintessenz einer Pressemitteilung an uns, eine Postkarte auf der stand: »Liebes skug! Ich habe eine neue Soloplatte gemacht. Hier ist sie.« Punkt und fertig. Mehr muss man ja auch nicht wissen. Na ja, vielleicht doch. »Trick17« ist nur auf einer Seite mit Musik bedruckt, auf der anderen Seite ist der Sound von Seite A als Grafik aufgepresst. Da die ganze Platte in rosa-orangem Vinyl gehalten ist, sieht das aus wie ein gedimmtes Tigermuster auf einem 60ies-Sofa. Man kann sich das aber auch anhören, das klingt dann wie eine Düsenmaschine, die nicht abheben kann und dauernd Soundaussetzer hat. Macht das Spaß? Ist das Kunst? Ist das funktionslose Schönheit? Richtig. Und zwar alles gleichzeitig, überlagert und eingedampft, quadriert, püriert, verzopft, genauso wie der stimmige, aber keinesfalls atemberaubende Noiseteppich, den Dieb13 auf Seite A gewoben hat. Auch dieses Stück legt man sich definitiv mehr als Gesamtkunstwerk zu, nicht weil man zu den romantischen Klängen von Seite A auf dem Tigermustersofa einschlafen möchte.

Asmus Tietchens, Rolf Zander: »Tarpenbek«
Wir biegen in die CD-Abteilung ab, aber nur halbherzig. »CD in LP-Box« jubelt die Pressemitteilung, aber der eigentliche Clou hier ist, dass sich eigentlich zwölf Radierungen des Künstlers und Kunsterziehers Rolf Zander in der Box befinden. Diese darf man sich quasi als Kartographierungen eines Gewässers in der Nähe von Hamburg, eben Tarpenbek, vorstellen. Gezeichnet bereits 1975 bis 1977 auf Zinkplatten, die zudem durch den ständigen Gebrauch schnell Gebrauchsspuren zeigten. Abnutzung, Haptik, die Wechselwirkung von gedachter Kunst und Gebrauchskunst, das ist hier das Thema. Oder zumindest eines der Themen. Zur CD wird die ganze Angelegenheit durch den Komponisten Asmus Tietchens, der diese Radierungen gewissermaßen in Ton setzte, wobei unter anderem die Stücklänge durch die Addition von Höhe und Breite von Zanders Radierungen ermittelt wurde. Wenn das jetzt absolut abgehoben klingt, dann ist das vielleicht der richtige Zeitpunkt um hinzuzufügen, dass der Höreindruck von »Tarpenbek« mindestens als einzigartig zu bezeichnen ist. So eine spartanisch-unaufgeregte Musik, die an der Grenze zur Stille gerade mal ein wenig den Eindruck von Bewegung und Schemen erregt, hört man selten. Das mag manchen Leuten zu mager erscheinen, ist aber in der Tat außergewöhnlich gut gelungen.
Alle diese Werke/Platten/Kleinode gibt es praktisch nur direkt bei den Labels zu bestellen. Go for it.



Frederik Schikowski: »In geordneten Verhältnissen« / the brain / sozialistischer plattenbau / sur urban trash
www.thebrainradio.com | www.sozialistischer-plattenbau.org

Hontatedori: »Hontatedori« / Metamkine
hontatedori.net

Various Artists: »Innere Blutungen« / Interstellar Records / Austro Mechana
www.interstellarrecords.at

Sun Papa & The Fan Club Orchestra: »Josée Andrei, An Insane Portrait« / Sonig
www.sonig.com

Dieb13: »Trick17« / Corvo Records
dieb13.klingt.org | www.corvorecords.de

Asmus Tietchens, Rolf Zander: »Tarpenbek« / auf abwegen
www.aufabwegen.de


Text: Curt Cuisine | 11.10.2013

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