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Straight outta Morocco: Soultana

Text: Heinrich Deisl | 22.08.2013
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Die aus Casablanca stammende Rapperin Youssra Oukaf aka Soultana hatte im Mai auf dem Wiener Festival Into The City ihre Österreich-Premiere. Im skug-Interview erzählt sie über den Arabischen Frühling, die Situation der Frauen in Marokko und wie sie aus HipHop ein Sprachwerkzeug für mehr consciousness macht.

Live-Fotos: Sabine Pichler (ITC)


Zusammen mit ihrer 2005 gegründeten HipHop-Gruppe Tigresse Flow gilt Soultana als eine der ersten Rapperinnen Marokkos. Ihr Engagement für Gleichstellung und gesellschaftliche Verantwortung in der arabisch-moslemischen Welt bescherte ihr nicht nur Freunde. Besonders Nummern wie »Swat Nssa« machten sie bekannt, geht es hier doch dezidiert um emanzipatorische Sozialpolitik.

Am Eröffnungsabend von Into The City trat Soultana mit einer gemeinsamen Nummer mit Texta aus Linz auf, am zweiten Abend gab es eine Draufgabe, als sie für Mamadou Diabaté und seine Band rappte.

Ihre CDs sind offiziell nur in ihrer Heimat Marokko erschienen. Aber ähnlich wie viele KünstlerInnen aktuellster Prägung, sind praktisch alle ihrer Songs und Videos auf Youtube verfügbar.

Sultanin (Königin) + Soul = Soultana

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Soultana - Fiaf.org

skug: Wie begann Ihre Karriere?

Soultana: Mit dreizehn Jahren begann ich mit HipHop und war bei einer weiblichen Breakdance-Gruppe. Später kam Tigresse Flow, eine der ersten women only HopHop-Crews Marokkos. Wir gewannen 2008 den ersten Preis des prestigeträchtigen Festivals Mawazine in Rabat -- das jährlich von rund einer Million Menschen besucht wird -- und eine Ausscheidung namens Of Jouled. Obwohl wir das Mawazine gewonnen hatten, wurde uns der Preis nicht zugestanden: es hätte ein Album und ein Video produziert werden sollen. Nach den Scherereien mit Veranstaltern und Organisatoren beschlossen die anderen Tigresse-Flow-Mitglieder, nicht mehr weiter zu machen. Deshalb hatte ich dann solo gestartet.

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 Tigresse Flow


 

Welche Möglichkeiten gab es in Marokko, vor dem Arabischen Frühling mit HipHop in Kontakt zu sein?

In meinen frühen Teenagerjahren besuchte ich Kurse im American Language Center in Casablanca, wo wir sehr viel Musik hörten. Dieses Sprachenzentrum war in den frühen 2000ern der einzige Fixplatz der Stadt mit Internet. Und Casablanca ist immerhin die größte Stadt Marokkos. Die Situation war also alles andere als gut. In dem Zentrum befassten wir uns auch mit Songtexten und ich kam mit den Lyrics von Public Enemy, Run DMC, Tupac oder Notorious BIG daher. Mit beispielsweise Missy Elliot konnte ich weniger anfangen, meine große Heldin heißt Aretha Franklin.

Danach studierte ich Arabisch, Französisch und Englisch und war als Flugassistentin für Moroccan Airlines tätig. Später kamen Engagements für Sony/BMG und einige andere große Firmen. Ich finde es sehr wichtig zu reisen und viele Leute kennenzulernen. Dadurch kann man sich eine starke Persönlichkeit aufbauen. Was im Ungang mit Major Labels definitiv auch notwendig ist.

Anfangs schrieb ich meine Lyrics in Englisch. Ich änderte dann allerdings den Fokus und begann, den Leuten meines Landes zuzuhören und wechselte zuerst ins Arabische und dann in Darija (gesprochenes Arabisch in Marokko; Anm.). Es wurde für mich wichtig, die Leute aus meiner unmittelbaren Umgebung zu verstehen und ich wollte, dass sie mich verstehen. Mit Darija kann ich die Wörter des Slangs von den Straßen Marokkos verwenden. Meine Lyrics sind nicht für reiche Leute. Es gibt zu praktisch allen meiner Songs Übersetzungen ins Hocharabische und ins Englische. Für den Track »Swat Nssa« (»Woman's Voice«) von 2010 produzierte MTV ein Video mit englischen Untertiteln. Manchmal werden in meinen Konzerten diese »Simultanübersetzungen« verwendet.

 

HipHop wird oft zugeschrieben, eine entscheidende Rolle im Arabischen Frühling gespielt zu haben. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Die HipHop-Kultur ist eine sehr große Bewegung in den arabischen Ländern. Rap-Musik ist deswegen so interessant für mich, weil man die Probleme und Alltagssorgen der Menschen in die eigenen Botschaften und die eigene Poetik einbauen kann. Im arabischen Raum fing HipHop als real HipHop an. Wir begannen damit, weil wir in unseren Ländern große Schwierigkeiten haben, es gibt Armut, Gewalt, Fundamentalismus, Arbeits- und Obdachlose. Am Beginn standen viele Underground-Bands, die sich mit Politik -- speziell aus einer Anti-Regierungsperspektive -- beschäftigten. Damit wurde der Arabische Frühling eingeläutet. HipHop und Rap symbolisieren die Stimme des Volks. In Marokko gab es keine Revolution, aber wir hielten sehr oft Demonstrationen ab.

Ich war auf dem Tahrir Platz in Kairo und spürte dort diese unglaublich starke Energie. Die Menschen am Platz tauschten sich permanent über Politik aus. Sie wurden teilweise von der Polizei verprügelt und konnten trotzdem vierundzwanzig Stunden am Tag ohne Nahrung auf dem Platz verweilen. Ich habe gesehen wie Ramy Essam, der mit seinem Song »Erhal« zum »Sänger der Revolution« wurde, am Platz zwölf bis sechzehn Stunden täglich gesungen hat.

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Ich wünschte, die Länder würden verstehen, dass HipHop sicht nicht gegen sie sondern gegen korrupte Regierungen und Regime richtet. In Marokko ist man dazu übergegangen, HipHop zu verbieten, es gibt keine Rapper oder Tänzer mehr auf den Bühnen oder Festivals. HipHop als eine Agenda wurde von offizieller Seite abgesetzt. Auf das größte Festival der arabischen Welt, das Mawazine -- da, wo wir damals mit Tigresse Flow waren -- werden Superstars wie Rihanna, Whitney Houston, David Guetta oder Deep Purple um teures Geld eingeladen und lokale Jugendkultur wird sukzessiv ausgetrocknet. Mir wäre von keinem dieser Acts bekannt, dass er oder sie auf dieses Mißverhältnis hingewiesen oder sich sonstwie zur Lage Marokkos geäußert hätte. Man könnte das Gefühl bekommen, dass die großen Bands zwar daran interessiert sind, dass wir ihre Alben kaufen, aber nicht daran, wie sich die Situation für uns darstellt.

Gleichzeitig sollen wir als marokkanische Künstler unser Land repräsentieren, was unter derartigen Vorraussetzungen äußerst befremdlich ist: Warum sollte ich mein Land repräsentieren, wenn mein Land mich nicht als Künstlerin akzeptiert, weil ich über Politik spreche? Viele RapperInnen wurden mit Gefängnis bedroht. So auch ich für meinen Song »Kifash« von 2006. »Kifash« erzählt von den Widersprüchen zwischen dem aktuellen Marokko und dem Islam. Ich hatte diesen Song auf einem Festival in Casablanca gesungen, bei dem auch der Bürgermeister anwesend war. Als er »Kifash« hörte, gab er den Technikern Anweisung, mein Mikrofon stumm zu schalten. Das war noch während der Nummer passiert. Ich wurde von einem Polizeiaufgebot gezwungen, die Bühne zu verlassen. Während sie mich nach unten brachten, sagten mir aber eine der Cops: »Danke dass du über uns gesprochen hast«. Ich denke, wir sind eine Generation arabischer BürgerInnen, die Demokratie brauchen und wollen. Alle reden von Demokratie aber wo ist die Redefreiheit ...

 

Von vielen Seiten wird für den Arabischen Frühling der Einfluss aktueller social media als sehr prominent eingeschätzt. Teilen Sie diese Meinung?

Ich fand die Rolle der neuen Medien während dieser Zeit sehr interessant. Auch für uns als HipHopper und Rapper traf zu, dass wir ohne Facebook, Youtube etc. es nicht geschafft hätten, über die Grenzen unserer Gegenden hinauszukommen. Es war möglich, internationale Aufmerksamkeit zu bekommen. Meiner Meinung nach wurden 90 % dieser Revolution über Facebook kommuniziert. Aber wie üblich besitzen Medien auch eine negative Kehrseite: Viele Menschen diskreditierten die Arabische Revolution als Hazardspiel und mißbrauchten dafür die Personen vor Ort, indem sie schlechte oder gefälschte Neuigkeiten verbreiteten. Die Kombination aus Revolution und medialer Verfügbarkeit animierte dazu, sich nicht der Wahrheit zu verpflichten sondern aus Gewinn- oder Öffentlichkeitssucht fakes zu propagieren. Mittlerweile gibt es starke anti-demokratische Interessensverbände, die die social media bewusst für ihre Zwecke nutzen. Man muss sehr vorsichtig sein, wem und welcher Information man traut. Ich finde das eine traurige Entwicklung.

 

Wie sehen Sie die Situation von Marokko?

In Marokko gab es keine Revolution und ich denke, dass es auch keine geben wird. Wir haben einen König, den wir sehr schätzen und von dem wir überzeugt sind, dass er einen guten Job macht. Als Beispiel: Ein Vater von drei Kindern kann nicht alle unter Kontrolle halten. Wie sollte das dann für einen König mit 32 Millionen »Kindern« möglich sein? Das geht nicht. Es sind vielmehr die Leute der Regierung, die den Menschen das Geld stehlen. Die eine Hälfte der Probleme und Widersprüche wird von der Regierung produziert, die andere von der Bevölkerung. Indem wir uns ändern, können wir die Regierung kontrollieren. Man kann die Welt nicht ändern, bevor man nicht sich selbst ändert.

Worum geht es in Ihren Lyrics? HipHop wird ja vorgehalten, machistisch und sexistisch zu sein. Wie gehen Sie als Frau aus einem patriachalen System damit um?

Da ich eine Frau bin, singe ich üblicherweise über Themen, die Frauen betreffen. Ich spreche Mißhandlung, häusliche Gewalt oder Vergewaltigung an, da ich sie als Frau nachvollziehen kann. Circa 50 % meiner Texte behandeln Frauenfragen -- siehe etwa »Sawt Nssa« -- der Rest verteilt sich auf Jugend und Politik.

Der moslemische Einfluss auf die marokkanischen Gesellschaftsformationen ist nach wie vor prägend. Zu Beginn war es sehr hart, als Frau vor 5000 Leuten auf der Bühne zu stehen und über »Macho«-Themen zu singen. Aber ich wollte zeigen, dass das Geschlecht keine Rolle spielt, wenn man über Dinge redet, die real sind. Ich hatte viele schlechte Erfahrungen mit Produzenten und Organisatoren und musste eine Menge Angebote ablehnen. Wenn ich nach Europa oder in die USA reise, habe ich das Gefühl, dort als Mensch behandelt zu werden. In Marokko sind HipHop-Klischees weiterhin aufrecht: Wenn du als Typ HipHop machst, bist du ein Drogendealer oder ein Terrorist, als Frau bist du eine Prostituierte. Diese Stigmatisierungen, die besonders weiblichen HopHoppern entgegen gebracht werden, verstärken sich durch die moslemisch-patriachalen Strukturen.

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Wie könnte eine bessere Zukunft, ein besseres gemeinsames Verständnis aussehen?

Für die neue, junge Generation von Rapperinnen wünsche ich mir, dass sie sich Respekt verschaffen, bevor sie berühmt sind. In meinem Fall war es so, dass ich in Marokko erst wahrgenommen und respektiert wurde, als ich international bekannt war.

Zurzeit arbeite ich zusammen mit Freunden für eine Agentur namens HipHop Family Academy. Wir organisieren Workshops und Klassen in den Dörfern und Städten Marokkos, wir erzählen den Jugendlichen von der Geschichte des HipHop, von der Zulu Nation, unterrichten sie in Break Dance etc. Für mich ist das Wichtigste, die Kids zu ermutigen, zu schreiben, eigene Lyrics zu verfassen und zu rappen. Heuer war ich in allen Wettbewerben in der Jury und konnte mir so eine gute Meinung bilden. Das Engagement der jungen Leute macht mich glücklich, weil es in Marokko nach wie vor ein Tabu darstellt, über Politik und Religion zu sprechen. Es gibt einen großen Hang an Bildung, an Themen von außerhalb Marokkos, an Geschichten im Allgemeinen. In unserer Agentur haben wir einen Buchladen, aus dem sich jedes Mitglied gratis Materialien ausleihen kann. Wir versuchen in den Klassen, die Jugendlichen dazu zu bringen, sich pro Woche ein Buch auszuleihen und dann ein Referat darüber zu machen. Wir wollen den spielerischen Um- oder Zugang zu Bildung fördern. Mein besonderes Interesse gilt den jungen Mädchen. Sie sind erziehungsbedingt oft extrem scheu. Ich möchte erreichen, dass sie verstehen, nichts Falsches zu tun, wenn sie sagen was sie denken und dafür Rap verwenden.

 


Text: Heinrich Deisl | 22.08.2013

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