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Let's use animal behaviour to change our world ...

Text: Michael-Franz Woels | 16.04.2013
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Foto © Barbara Brandstatter
Mit Radical Bionics schließt Lars Schmid martialische und friedfertige Überlebenskonzepte kurz und propagiert die Schönheit der Ineffizienz.

Lars Schmid wurde in den 1970er Jahren in Frankfurt am Main geboren und studierte ebendort Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Videoüberwachung im öffentlichen Raum war sein damaliges Abschlussarbeitsthema, und der urbane öffentliche Raum ist bis heute ein beliebtes Forschungsgebiet des performenden Wahlösterreichers. Radical Bionics sind sein Leitthema wider kapitalistischen Verwertungszwang, Profit- und Optimierungswahn.

skug: Die Wissenschaft der Bionik beschäftigt sich damit, natürliche Phänomene in technische Anwendungen zu übersetzen. Seit wann gibt es diese klassische (Trans-)Disziplin, seit wann gibt es die Radical Bionics?

Lars Schmid:
Der Begriff Bionik wurde meines Wissens zuerst in den 1950er Jahren gebraucht, den Begriff Radical Bionics habe ich zum ersten mal 2010 benutzt. Forschungen auf beiden Gebieten gibt es aber natürlich schon sehr viel länger.

Was unterscheidet die Radical Bionics von der klassischen Bionik?
Die Radical Bionics interessieren sich nicht für technische Anwendungen. Stattdessen suchen sie in der Natur nach Inspirationen für die Entwicklung neuer politischer Strategien und Taktiken, nach anderen Formen des Zusammenlebens und Überlebens. Der zweite Unterschied: Die Radical Bionics verorten sich in einer Tradition militanter Wissenschaft, begreifen sich als Akteur auf dem Feld gesellschaftlicher Kämpfe. Die Forschungen der Radical Bionics haben absolut kein Interesse daran, Teil kapitalistischer Verwertungszusammenhänge zu sein.

Was sind die zentralen Forschungsgebiete der Radical Bionics, was macht sie »radikal«?
Zurzeit beschäftigen sich die Radical Bionics vor allem mit Organisations- und Kollaborationsweisen, mit Taktiken für den politischen 55 Aktivismus, besonders mit Täuschungen oder Listen und mit der Provokation neuer alltäglicher Verhaltensweisen. Im Wesentlichen geht es darum, sich der alten und immer noch entscheidenden Frage »Was tun?« zu nähern, indem man einfach einmal schaut, was Tiere so alles tun. Radikal werden die Radical Bionics in dem Moment, in dem sie ein utopisches Moment in die Wirklichkeit schmuggeln und möglichst kompromisslos in der Bekämpfung dessen sind, was Adorno so schön das »herrschende Unwesen« genannt hat. Dabei geht es natürlich auch um einen gewissen Chic. Das Radikale muss aber in jeder Forschung wieder aufs Neue gesucht werden.

Darwin vs. Kropotkin: Welche Rolle spielen diese beiden radikalen Denker in Ihren Überlegungen?
Darwin hatte natürlich das Pech, der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse dienen zu müssen - »Survival of the fittest« war einfach zu Kapitalismus-tauglich. Kropotkin hingegen muss jetzt als Vertreter der Radical Bionics avant la lettre herhalten, weil er Anarchist war und darauf aufmerksam gemacht hat, dass auch die gegenseitige Hilfe in der Tierwelt eine sehr erfolgreiche evolutionäre Strategie war und ist. Kropotkin positionierte sich allerdings nicht gegen Darwin, sondern gegen eine reaktionäre Rezeption Darwins im Sinne bürgerlicher Ideologie.

Als Wappentier wurde der Slow-Motion-Champion unter den Säugetieren, das Faultier, auserkoren. Was macht diesen einzelgängerischen Baumbewohner zum Radical-Bionics-Testimonial?
image001.jpgIch habe das Faultier - bzw. ein Faultierkostüm - zum ersten Mal während eines Tanzfestivals benutzt, weil ich ein Statement gegen dieses permanente Sichbewegen machen wollte. Das Faultier ist vor allem deshalb interessant, weil es der lebende Beweis dafür ist, dass auch Nichtstun und Nichtarbeiten erfolgreiche Überlebensstrategien sein können. Es ist insofern kein Testimonial, sondern erst einmal eine gute Möglichkeit, die Perspektive der Radical Bionics klarzumachen. Wobei es natürlich zu kurz greift, gegen den Arbeitswahn die Faulheit ins Feld zu führen, aber das muss manchmal trotzdem getan werden.

Welche anderen Lebewesen sind bevorzugte Probanden?
Ich habe mich bisher mit Bienen, Ameisen, Schlangen, Dachsen, Faultieren, Termiten, Heuschrecken, Hunden und Pinguinen beschäftigt, es gibt also keine besonders geeigneten Tiere. Für tendenziell ungeeignet würde ich den Deutschen Schäferhund halten, der sich als Polizei- und auch als KZ-Wachhund zu oft in schlechte Gesellschaft begeben hat und deshalb in Kreisen der Radical Bionics gern gedisst wird.

Haben die Radical Bionics vor allem im städtischen Umfeld ihr Einsatzgebiet?
Das urbane Terrain stellt zumindest die größeren Herausforderungen an die Radical Bionics: Wenn ich mich in der Natur tarnen will, kann ich mir ein paar Zweige auf den Kopf stecken - die Frage, wie man sich im Blickfeld von Überwachungskameras unsichtbar macht, finde ich da schon schwieriger zu beantworten.

Welche neuen Erkenntnisse zu tierischen Strategien des Täuschens und Tarnens gibt es, empirisch bzw. naturwissenschaftlich betrachtet?
Da ich kein Biologe bin, kann ich dazu wenig sagen. Ich glaube aber, dass die Strategien der Mimesis und der Mimikry, die beide mit Signalfälschungen arbeiten, wichtige Impulse für neue Formen einer »Politik der Wahrnehmung« geben können. Das schließt an eine Debatte an, die früher einmal unter dem Begriff der Kommunikationsguerilla geführt wurde.

Weitere Beschäftigungsfelder dieser militanten Wissenschaft beinhalten Organisationssysteme (politisch-hierarchische Partei, Basisdemokratie, Schwarmintelligenz) sowie die alltägliche Lebensführung. Wie ist der Erkenntnisstand in diesen Bereichen, gerne auch radikal-subjektiv betrachtet?
Die Debatte um mögliche und geeignete Formen der Organisation und Kooperation muss ja immer wieder aufs Neue geführt werden. Für mich funktioniert weder die hierarchisch strukturierte Organisation (die Partei) noch das Kollektiv, das sich in endlosen Debatten verheddert und allzu oft zu Kompromisslösungen neigt. Die Forschungen um das Phänomen der Schwarmintelligenz verbreiten nun die Hoffnung, die Widersprüche zwischen diesen beiden Positionen zu vermitteln. Stellt sich nur die Frage, wie aus der Intelligenz von tierischen Schwärmen eine Intelligenz der menschlichen Multitude werden kann. Hier liegt eine der Hauptaufgaben zukünftiger Forschungen der Radical Bionics.
Was den Alltag angeht: Hier geht es ganz grundsätzlich darum, den alltäglichen Imperativen der Effizienz und der Optimierung, des Zeitund Selbstmanagements und all den anderen Formen von Management zu entkommen, indem man z. B. vom Faultier lernt, nichts zu tun. Ein anderes Beispiel: An Hunden, die die schöne Angewohnheit haben, sich auf ihren alltäglichen Wegen permanent ablenken zu lassen, kann man sehr gut die Schönheit der Ineffizienz studieren.

Selbstorganisation, die Vielheit des Wissens und indirekte Zusammenarbeit sind charakteristisch für Schwarmintelligenz. Kannst du etwas genauer auf diese Aspekte eingehen?
Nur ein Beispiel für die Vielheit des Wissens: Wenn Bienen einen neuen Stock suchen, schicken sie Kundschafterinnen aus, um die Umgebung abzusuchen. Wenn eine Kundschafterin ein mögliches neues Zuhause entdeckt, fliegt sie zurück zum Stock und tanzt für die anderen Bienen, wobei Länge und Intensität des Tanzes Auskunft geben über die Güte der entdeckten Wohnung. Die anderen Bienen entscheiden dann, ob sie aufgrund des Tanzes selbst einen Erkundungsflug zum neuen Bau unternehmen. Keine einzelne Biene kennt die gesamte Umgebung, und keine vertraut auf Informationen, ohne sie selbst zu überprüfen. Auf diese Weise wird dann auf Grundlage eines auf viele Bienen verteilten Wissens eine Entscheidung getroffen. Das wäre natürlich auch für menschliche Diskussionszusammenhänge interessant, Meinungen und Bewertungen über Tanzen auszudrücken ...

Wann wird es die nächste Radical Bionics-Lecture-Performance geben?
Fixiert ist bis jetzt eine Präsentation der Radical Bionics im Rahmen des Kongresses »Politische Tiere« in Frankfurt am Main im November.

Text: Michael-Franz Woels | 16.04.2013

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