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Androidlessons learned from Monotype Rec. No. 46-52

Text: Curt Cuisine | 25.09.2012
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Magda Mayas & Tony Buck
Es ist ein netter Nachmittag, ich sitze in meinem Zimmer und höre mich durch die jüngsten sieben Veröffentlichungen des renommierten polnischen Experimental-Labels Monotype (No. 46-52).

Es ist eine Art Selbstexperiment. Die Versuchsperson bin ich, ein aufgeschlossener, wissbegieriger Hördummy. Meine zwei wichtigsten Fragen: »Was macht diese CD mit mir?« und »Würde sich das außer mir und einigen Experimental-affinen Nerds sonst noch jemand anhören?«. Beginnen wir mit »Carbon & Chairs« von ACKER VELVET. Dahinter verbergen sich die beiden Üsterreicher Andreas Trobollowitsch und Johannes Tröndle. Beide sind Komponisten, Interpreten, Elektrosoundtüftler. Die Frucht ihrer Tätigkeit ist angesiedelt »irgendwo zwischen Noise und Harmonie, Collage und Komposition, Experiment und Pop«. Den letzten Begriff kann man bedenkenlos streichen, hier ist kein Pop zu finden, sondern primär fein getunte und arrangierte Soundflächen, die durch zusätzlichen Input (Gastinstrumentalisten, Field Recordings) ein wenig reichhaltiger werden. Dennoch fühle ich, wie die Soundwolken vor meinem Fenster bleiern werden. »Data« von ÉRIC NORMAND bietet »Low-fi Duets« des Interpreten mit drei Freunden/Gleichgesinnten, allesamt aus Frankreich oder Kanada stammend. Hier kracht und grammelt es weitaus elektrozickiger als bei den Üsterreichern, trotzdem hängt auch hier die maschinelle Soundwolke tief. Ein ebenso schroffes wie karges Hörerlebnis ist die Folge. Für »TSSTT!« von CHARLES/GROSS/HAUTZINGER/MARCHETTI zeichnet eine internationale Starbesetzung (zumindest in diesem Fach) verantwortlich. Aufgenommen im französischen Metz ist hier ein konsequenter Fortschritt in Richtung Abstraktion zu verzeichnen: die einzelnen Tracks sind bloß durch Nummern gekennzeichnet. Das sich den elektroakustischen Gegebenheiten anpassende Spiel sowohl des Trompeters (Franz Hautzinger) wie auch des Klarinettisten (Xavier Charles) - beide übrigens ausgesprochene Könner - sorgt für eine monolithische Intensität, die mich bislang am stärksten anspricht, aber allmählich frage ich mich, ob irgendwo da draußen ernsthaft noch Menschen leben. Auf »Cartouche« arbeiten NATACHE MUSLERA und ERIKM zusammen. Muslera ist eine Performancekünstlerin und Vokalartistin mit Hang zur Noiseattacke, ERIKM (eigentlich eRikm) ist ein Experimentalelektroniker mit umfangreichen Output. Beide stammen aus Frankreich. »Eruptive Soundphänomene« ist das Schlüsselwort zu dieser CD, man könnte auch den Begriff »Pränatalhysterie« hinzufügen. Ich frage mich mittlerweile, ob die Menschheit nicht vor Jahren bereits durch einen Atomschlag ausgelöscht und durch Androiden ersetzt wurde. Und diese Androiden lieben es, das Menschliche in Form eines elektrifizieren Kabuki-Theaters nachzustellen. Egal, wir kommen zu einem weiteren Duett. SPILL besteht aus der Berliner Pianistin MAGDA MAYAS und dem australischen Drummer und Videokünstler TONY BUCK. »Fluoresce« heißt ihre Zusammenarbeit, die sich in einem fast schon wohltuend differenten Soundkontext ereignet. Klavier und Drums sind auf Anhieb kaum erkennbar, wir stürzen in ein facettenreiches, perkussives Prasseln, das sich zwar erneut zu einer allzu typischen Soundwolke verdichtet, aber da der Zugang verhaltener, das Sounderlebnis zugleich unmittelbarer ist, fühlen sich meine Ohren hier weitaus behüteter. Auf »Borinosophil« versammelt sich eine weitere Supergroup im Bereich des Experimentellen, dieses Mal mit stark russischem Einschlag. ALEXEI BORISOV gilt als Moskauer Industrial-Urgestein, die Sängerin OLGA NOSOVA ist auch durch die Post-Punk-Band Motherfathers bekannt, der Schweizer DAVE PHILLIPS wiederum als Mitbegründer der Hardcore-Extremisten Fear of God. Das Ergebnis dieser drei Noisegurus könnte man sich schlimmer ausmalen, trotz einschlägiger Passagen, die nach sinistrem Elektronengewitter in der Maschinenhalle klingen, herrscht hier ein Hang zur knisternden Innigkeit. Beinahe käme ich ins Philosophieren, um die Androiden von gerade eben als naives SciFi-Märchen abzutun und mich stattdessen zu einem aus künstlerischen Gründen notwendigen Posthumanismus zu bekennen. Beinahe, wohlgemerkt. Vorher schreiten wir zur letzten Hörprobe. »Weird Tales & Elegant Motion« führt uns zurück nach Üsterreich, zur Ausnahmeviolonistin MIA ZABELKA, die mit dem Bassisten JOHANNES FRISCH und dem Drummer PAVEL FAJT ebenfalls eine kleine Supergroup zusammen gestellt hat. Anders als bei den bisherigen CDs ist diese Besetzung als Bandgefüge hörbar, was der nicht minder experimentellen Virtuosität einen etwas konservativeren Rahmen gibt. Dass hier nicht nur Noise auf Soundwolke und Soundwolke auf Elektroknistern folgt, sondern sich zwischendurch ganz selbstverständlich harmonische Passagen entfalten dürfen, beamt geradezu Sonnenschein ins Gemüt. Gerade diese Lässigkeit fehlt den meisten der hier vorgestellten CDs. Viel zu verbissen wird an elektroakustischen oder experimentellen Dogmen festgehalten, so dass am Ende nur noch wenig an dieser Musik überrascht - und vor allem begeistert. Wer mit der elektronischen Avantgarde bislang gar nichts anfangen konnte und trotzdem mal reinschnuppern will, der findet in »Weird Tales & Elegant Motion« einen durchaus grandiosen Einstieg. Die anderen Scheiben enthüllen ihre spröden Qualitäten primär eingeweihten Androiden.

Text: Curt Cuisine | 25.09.2012

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