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Koffi Kôkô über Voodoo und den Konnex zu Tanz und Choreografie.

Text: Michael-Franz Woels | 10.08.2012
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KokoKoffi La Beaute du Diable © Arnaldo JG Torres
Der aus Benin stammende Tänzer und Choreograf Koffi Kôkô hielt im Rahmen des heurigen Impulstanzfestivals den Workshop Danse Africaine Moderne. Die Vermittlung des rituellen Symbolismus in afrikanischen Tänzen steht dabei im Vordergrund. Er gilt als einer der bedeutendsten Mitbegründer der modernen afrikanischen Tanzszene und ist seit zwanzig Jahren Dozent bei Impulstanz. Seit einiger Zeit arbeitet er an der Errichtung eines choreografischen Zentrums in Benin (Ouidah).
In dem aktuellen Solotanzstück »Die Schönheit des Teufels« teilt er sich die Bühne mit drei Musikern und einer Ahnen-Maske aus Benin. Die Maske bringt Farbe in das ansonsten von der Dualität des Schwarz-Weiß-Habitus von Koffi Kôkô geprägten Geschehen. Die Verwandlung in ein knochenweißes Wesen mit Hilfe ritueller Kreide und einem weißen Anzug erfolgt fließend, ebenso wie die Toten-Farbe durch den lebendigen Tanz allmählich wieder mit Schweiß abgewaschen wird. Die Musiker sorgen mit Gesang und Perkussion für meditative Poly-Rhythmik, die ihre spirituelle Trancewirkung aus den rituellen Wurzeln der Drum-Pattern des in Benin praktizierten Voodoo-Animismus zu beziehen scheinen. Die Botschaft kann nicht verlorengehen ??

Wird man als Voodoo-Priester geboren, ist diese Fähigkeit quasi angeboren oder wie kann man sich die kindliche Entwicklung eines Voodoo-Priesters vorstellen?

Koffi Kôkô:
Nein, das ist nicht angeboren. Es ist ein Weg. In bestimmten Momenten in deinem Leben musst du gewisse Entscheidungen treffen, dich auf diesen Weg begeben und kontinuierlich dir dieses Wissen erweitern. Meine Eltern hatten darauf natürlich starken Einfluss. Ich hatte eine typische Kindheit in Benin, bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen. In der Stadt gab es verschiedene Tempel, die die verschiedenen Kulte der Region praktizierten. Das war in dem Ort sehr präsent. Für Kinder und Jugendliche gibt es für die verschiedenen Alterstufen bestimmte Initiationsriten. Jede Familie und jedes Haus hatte gewisse Gottheiten, die das Haus und die Familie beschützen.

Wie sieht die Verbindung zwischen Candomblé, der dominierenden Form der afrobrasilianischen Religionen und Voodoo bzw. zwischen Islam und Voodoo aus?

Candomblé und Voodoo kommen vom selben Stamm, es ist der selbe Weg. Voodoo ist sozusagen der Großvater, Candomblé der Enkel. Islam und Voodoo verhalten sich wie das Christentum zu Voodoo. Der Katholizismus hat Voodoo bekämpft, um die Religion der Kolonialherren einzuführen. Der Islam verhält sich in Benin und in Teilen von Nigeria (Ifé, Ojo) ähnlich.

Was bedeutet das Wort Voodoo genau oder ist das sozusagen geheim?

Voodoo ist keine Geheimwissenschaft. Vor der Kolonisation konnte die Bevölkerung natürlich noch nicht französisch oder englisch und sich in diesen Sprachen ausdrücken. Nach dieser Periode der Kolonisation und des Austausches der Sprache und der französischen Administration konnte die Generation meiner Eltern langsam darüber sprechen. Es ist eine Tradition, die von den Erwachsenen an die Heranwachsenden weitergeben wird. Diese fragen nicht: Warum machen wir das? Warum machen wir das so? In meinem Alter, mit meiner persönlichen Evolution und Entwicklung und mit einer gewissen Distanz beginne ich natürlich zu fragen: Warum? Warum? Warum? Ich hatte damals das große Glück, dass beide Großväter wichtige Priester waren. Sie waren Priester, hatten aber auch einen anderen Job. Wir zelebrieren Voodoo ja nicht jeden Tag, und deshalb ist das kein Vollzeit-Job, sondern man übte auch einen Beruf daneben aus. Bei mir ist das ja auch so. Meine Arbeit ist die eines Regisseurs, eines Tänzers bzw. Choreografen. Ich habe aber auch eine andere Seite in mir, nämlich die des Voodoo-Priesters und dieser spirituelle Weg wird immer weitergegangen, genauso, wie sich auch meine künstlerische Arbeit weiterentwickelt. Das sind die zwei Seiten in mir.

Versuchen Sie diese beiden Seiten streng zu trennen oder vermischen sich die Einflüsse?

Ich habe beide Seiten in mir. In meinem Alter habe ich gelernt, mich voll und ganz auf die jeweilige Seite zu konzentrieren. Ich kann es nicht separieren, es ist aber auch nicht vermischt. Du kannst nicht sein und nicht sein. Jeder Geist kann eine Üffnung des Kopfes und des Herzens bewirken und bei bestimmter Erfahrung zur Einsicht führen, wie man das übersetzt und sich in einen universellen Menschen verwandelt. Ich versuche das auch mit meinem Tanz auszudrücken. Wenn dir niemand sagt, dass ich aus Benin komme und dass ich ein Voodoo-Priester bin, kommst du einfach, um dir ein Tanzstück anzusehen. Es gefällt dir oder gefällt dir nicht. Und Punkt. Die Menschen aus dem Okzident scheinen mehr den Aspekt des Voodoo an mir interessant zu finden, als den Aspekt meiner Kreativität? Warum? Es gibt einfach eine bestimmte Konzentration, die Dinge zu tun, in denen du die Spiritualität fühlst. Ich kann Teile von Shakespeare oder verschiedene klassische Sachen aus dem Osten mit der selben Konzentration durchführen, mit der ich auch eine Voodoo-Zeremonie durchführe. Ich hoffe, dass ich während meiner Karriere eine spezielle, originäre Art, gewisse Dinge auszudrücken, entwickelt habe: bestimmte Metaphern, bestimmte Fragen über das Leben, die ich mir auferlege.

Als Künstler versucht man ja herauszufinden, auf welche Art man sich am besten ausdrücken kann und seine Emotionen und Geschichten mit dem Publikum teilt. Wie ist das bei Ihnen?

Wenn ich Bücher lese oder mir Theaterstücke ansehe, versuche ich für mich herauszufinden, was ich mit den Fragen anfangen kann, wie ich sie selber ausdrücken würde. Was war die Essenz? Der Titel meines aktuellen Stückes lautet: »Die Schönheit des Teufels«. Vielen Leuten gefällt der Titel, sie finden ihn schön. Aber sie fragen sich: Der Teufel kann schön sein? Wir glauben, nur Gott kann schön sein. Der Teufel ist doch böse und hässlich. Aber in der Voodoo-Religion gibt es keinen Teufel, es gibt verschiedene Gottheiten, die verschiedene Energien bekommen. Wir beten, um diese verschiedenen Gottheiten mit ihren unterschiedlichen Energien in Harmonie zu bringen. Das hilft uns, den Weg zu finden, den wir wählen sollen. Die Bedeutung von Voodoo lautet ja sinngemäß: Die Botschaft, die du an die Gottheiten sendest, geht nicht verloren. Wir haben auch ein Orakel-System. Durch das Orakel sprechen die Gottheiten. Das sind Séancen, das ist keine Religion. Man braucht mindestens zwanzig Jahre, um dieses Orakel-Wissen zu lernen und die Botschaften übermitteln zu können. Mit der Metapher meines Stückes »Die Schönheit des Teufels« möchte ich auf die Dualität in uns allen hinweisen. Jeder kann ein guter oder ein schlechter Mensch sein. Aber warum fürchten wir uns vor dem Teufel? Weil wir lernen, es gibt ein Paradies und eine Hölle. In meinem Alter frage ich mich immer öfter: Warum gibt es diese Vorstellung von Paradies und Hölle im Okzident, im christlichen Abendland. Es veranlasst mich auch, darüber zu reflektieren und diese Vorstellung abzulehnen. Für mich gibt es das nicht. Alle Menschen haben diese Dualität in sich.

Wie wichtig ist Musik für die Voodoo-Zeremonien?

Nach der Anrufung überlassen es die Priester den Musikern, die verschiedenen Gottheiten mit verschiedenen Rhythmen herbeizubeschwören. Verschiedene Energien kommen, um für Harmonie zu sorgen. Die Musik ist dabei sehr wichtig. Auf der Bühne mache ich natürlich keine Voodoo-Zeremonie, sondern eine Tanz-Performance, aber bestimmte Rhythmen sind inspiriert von den Ritual-Rhythmen, die traditionell von elf Musikern gespielt werden: verschiedene Trommeln, Glocken, Shékere (ein Schlag- und Schüttelinstrument, eine netz-bespannte Kalebasse), Gesang und die Klanggeste des Hände-Klatschen und andere Body-Music. Der Tanz während der Zeremonie ist ein Gebet der initierten Menschen. Für mich ist Tanz auch Gebet, im Kontext der Bühne ebenso wie im Kontext der Zeremonien meines Heimatdorfes.

In welchem Kontext fühlen Sie sich freier, können sich besser ausdrücken? Woher holen Sie die Inspirationen für Ihre Stücke noch?

Zuerst bin ich Tänzer, und Choreograf. Wenn ich in mich gehe und ein Stück erarbeite, suche ich nach Bewegungen und Personagen, die eine Verbindung zu dem Stück haben könnten. Ich lese viele Geschichten, ich betreibe Recherche über verschiedene Religionen. Das hilft mir, meine Geschichten zu erzählen und auszudrücken.

Wenn Sie daran arbeiten, die Bewegungen und Personagen ausfindig machen, unterstützt Sie dabei Musik oder brauchen Sie dazu Stille?

Stille. Die Musik kommt erst danach.

Sie leben ja jetzt vor allem in Paris. Was waren die Gründe für diese Ortswahl?

Seit vielen Jahren ist Paris sozusagen meine örtliche Basis. Aber ich kehre fünf- bis sechsmal pro Jahr nach Benin zurück, dazwischen bin ich weltweit unterwegs. Benin war eine französische Kolonie, ich habe in Benin meine Schulausbildung absolviert und habe dort auch Französisch gelernt. Ich interessiere mich dafür, wie bestimmte Bewegungen des Afro-Dance sich im Laufe der Geschichte verändert haben. Als Sklave nimmst du deine Kultur und deine Praktiken bei deiner Verschleppung mit. Ich sehe das in Kuba, Brasilien, Haiti. Die Ursprünge dieser Praktiken sind ähnlich, man kann aber auch das Gewicht der Geschichte spüren, die ?bertragungen, die Transmission durch die unterschiedlichen Generationen.

Text: Michael-Franz Woels | 10.08.2012

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