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Maschine kritischer Wissensproduktion

Documenta 13

Text: Roland Schöny | 03.07.2012
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Attia Kader, Foto: © Roman März. (s.u.)
Die Documenta 13 setzt neue Maßstäbe als Großprojekt. Nur mit diesem Anspruch, dieser Energie und solchen Vorlaufphasen kann das Medium der Ausstellung zu einer Maschine der Wissensproduktion werden. Ihre Bahnen reichen weit über eine Zusammenschau dessen hinaus, was gemeinhin als Gegenwartskunst zusammengefasst wird.

In ein Terrain vielfach überraschender, fesselnder Präsentationen führt seit Mitte Juni die Documenta 13. Mit Härte und Klarheit in Szene gesetzt. Politisch, gesellschaftskritisch, aufklärerisch aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner nachfolgenden Jahre als Zeitalter der Extreme, des Kriegs und der Massenvernichtung her gedacht, konfrontiert sie gleich an ihrem zentralen Ort, dem Fridericianum, mit einem dichten Exposé an Fragestellungen. Als Leitmotiv die Aufforderung, Wahrnehmungsmodelle aus der Kunst der Moderne im Sinne einer Archäologie auch auf andere Bereiche auszudehnen, um neue Lesbarkeiten zu entwickeln.

Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev bezeichnet die Eingangssituation als »The Brain«. Judith Barry hat dazu ein Art Miniaturbuch geschaffen, das verschlungen in die Ausstellung hinein, aber auch durch sie hindurch führt. Was könnte denn mehr aussagen über die Zerschlagung von Kultur durch die Fakten schaffende Gewalt des Kriegs als eine Auswahl von Artefakten aus dem Nationalmuseum von Beirut, die während des Bürgerkriegs 1975 bis 1990 im Zuge von Bombardements nahezu zerstört wurden. In unmittelbarer Nähe das bereits auf der Biennale von Venedig gezeigte Video von Ahmed Basiony, das die Aufstände am Tahir-Platz in Kairo aus dem Jänner 2011 zeigt. Drei Tage nach der Aufnahme, am 28. Jänner 2011, wurde Basiony von der ägyptischen Polizei erschossen.

Zunächst aber wird einem das Gehirn frei geräumt. Die langgestreckten Säle im Erdgeschoß sind fast leer. Weißes Neonlicht. Kühler Wind. Es ist das Werk von Ryan Gander, der einen Lufthauch durch die Räume wehen lässt. Dann doch eine Vitrine. Mit einem Brief von Kai Althoff, der die Einladung zur Documenta nicht annehmen kann. Durch das Schriftstück ist er nun doch präsent. Wenn dann noch aus einem winzigen Raum das »Falling in Love« als Endlosschleife aus dem Country-Klassiker »Till I Get it Right« von Tammy Wynette erklingt, bleibt dennoch offen, ob wenigstens hier so etwas wie Hoffnung evoziert werden soll. Die Sound-Installation von Ceal Floyer erinnert an das tragische Leben der Pop-Sängerin zwischen Alkohol- und Eheproblemen.

In diesem Kontext ist es keine Attitüde von Carolyn Christov-Bakargiev, wenn sie sagt, sie habe kein Konzept. Wem wäre gerade in diesen Tagen, in denen großmäulige Spekulanten die sozialen Probleme Europas zynisch ausweiten, zu trauen, mit der Behauptung es gäbe eines? Dennoch deklariert Christov-Bakargiev ihre Haltung; fast unisono mit Mitarbeiterin Chus Martínez aus der Kerngruppe der Documenta-AgentInnen. Es wird aus einer Position der Skepsis her gedacht. Selbstverständlich beinhaltet das feministische und Transgender-Diskurse und selbstverständlich bedeutet das kuratorische Arbeit vor dem Hintergrund vollzogener Prozesse der Dekolonisation, die wiederum von Globalisierung und der zunehmenden Ükonomisierung ökologischer Ressourcen überlagert sind. Wir schreiben 2012.

Regime der Disziplinierung vor dem Hintergrund von Krieg und Massenvernichtung

?ber fünfzig Ausstellungsorte erstreckt sich die Documenta 13, davon etwa zwanzig Präsentationen in der Karlsaue-Parklandschaft. Lieblich ist die Inszenierung auch dort nicht. Eine von weitem wie ein riesig dimensioniertes Spielobjekt aussehende Holzkonstruktion von Sam Durant besteht aus ineinander verschachtelten Galgen und ist als Kritik an der Todesstrafe insbesondere in der amerikanischen Geschichte konzipiert. Und: Von den rund dreihundert KünstlerInnenpositionen sind etwa vierzig Prozent Frauen. Zur Auseinandersetzung mit dem lokalen Kontext wurden die KünstlerInnen aufgefordert, das ehemalige Benediktinerkloster Breitenau zu besichtigen, in dessen gefängnisähnliches Arbeitshaus ab 1874 Prostituierte und Landstreicher gesperrt wurden, bevor es im Nationalsozialismus als Internierungsort für Regimegegner und Juden diente, die ins KZ deportiert wurden. Danach wurden dort Geschlechtskranke eingesperrt und wieder danach sogenannte schwer erziehbare Mädchen. Die einem Straflager ähnlichen Bedingungen verarbeitete Ulrike Meinhof 1970 im Fernsehspiel »Bambule«. Zu sehen ist dazu von Clemens von Wedemeyer eine umgehbare 3-Kanal Filminstallation im Hauptbahnhof; übrigens in der Nähe eines neuen Meisterwerks von William Kentridge, das in seiner Komplexität an die späten Godard-Filme erinnert und in Projektionen an vier Wänden mit Tanz, Schauspiel, Zeichnung Trickfilm etc. Techniken der Disziplinierung unter dem Regime der Zeit in der Moderne im südlichen Afrika reflektiert. Im Klostergebäude von Breitenau selbst konzipierte Judith Hopf eine fragile Installation aus übereinandergestellten hohen Trinkgläsern mit Papier dazwischen, die dazu auffordert, Acht zu geben und den Körper zu bewegen. Emanzipation und Geschichte beginnen, wo die Körper sensibel werden. Judith Hopf verlinkt das Fridericianum mit ihrer Intervention in Breitenau. Der Strategie des situationistischen Détournement folgend stellt sie Masken aus, die Ergebnis eines Projekts der Insasseninnen von Breitenau sein könnten. Grundstoff der bizarren Science-Fiction-Gebilde sind Verpackungen von PC's, Smartphones oder Tablet-Computern ...

Ein weiteres Thema, das sich in vielen Facetten durch die Documenta 13 zieht ist »Afghanistan«. Eine der Außenstellen liegt in Bagh-e Babur (Queens Palace) in Kabul. Weil Afghanistan zumeist nur als Kriegsgebiet im Bewusstsein verankert ist, und weil Deutschland Truppen dorthin schickte. Äußerst beeindruckend ist die Großbild-Doppelprojektion der in New York lebenden, aus Kabul stammenden Mariam Ghani. Begleitet von einem dichten Text untersucht sie vergleichend die Bedeutung der Architektur des Fridericianums in Kassel und des in den 1920er Jahren erbauten und heute zerstörten Regierungspalastes Darul Aman nahe Kabul. In Kassel ein weltlicher Tempel der Aufklärung und bei Kabul eine Ruine, die - erbaut unter König Amanullah Khan - ursprünglich Zeichen für eine moderne Staatsreform war. Narrative der Modernisierung und der Archivierung von Wissen werden hier bearbeitet im Licht bis heute bestehender Ideologeme, die etwa in den Märchen der Gebrüder Grimm transportiert werden. Die Idee des Transfers führt die polnische Künstlerin Goshkja Macuga im Medium der Fotografie und in Wandteppichen in der Rotunde des Fridericianums fort. Dort findet man eine Gruppenaufnahme von NGOs und MitarbeiterInnen von Kulturinstitutionen in Bagh-e Babur digital montiert vor dem zerstörten Palast in Kabul, der aus der Ferne wie das Fridericianum aussieht. Eine weitere Verbindungslinie Richtung Afghanistan wird über die Figur des 1994 verstorbenen Alighiero Boetti gezogen, der das Land 1971 erstmals bereiste, dort viele seiner mit Weltkarten bestickten Teppicharbeiten anfertigen ließ und in Kabul das von ihm zeitweilig bewohnte »One Hotel« eröffnete.

Carolyn Christov-Bakargiev macht - für eine Documenta ungewöhnlich - auch auf historische Werke aufmerksam und zeigt George Morandi, Antoni Cumella oder sogar Salvador Dalí. Von letzterem ein Gemälde, in dem er seine Herausarbeitungen des Paranoiden auf die Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs und die faschistische Mobilmachung anwendete. Hinweise auf die Unmöglichkeit, sich von der Geschichte zu lösen. Gleiches gilt für den Raum mit Werken der in Ausschwitz ermordeten Charlotte Salomon. Ihre von Selbstmorden in der Familie und sexuellem Missbrauch geprägte Geschichte ist zwar historisch verankert, präsentiert als gemaltes, geschriebenes, vielteiliges Kunstwerk im Medium der Autobiografie bleibt jedoch auch das eine Idiosynkrasie im Umfeld der Gegenwartskunst.

Pendel zwischen Quantenphysik, Surrealismus und elektronischer Musik

Mit Ida Applebroog wird das Thema Tagebuch weitergeführt. Sie macht ihre intimen Notizen und Skizzen öffentlich. Die 82-jährige Künstlerin beginnt sich von ihnen zu trennen, indem sie ihre Tagebücher als vergrößerte Faksimilie-Drucke zum Mitnehmen freigibt. »Take one for free«. Auf dem Documenta-Gelände laufen ReklameträgerInnen mit Klapp-Schildern am Körper herum. Ebenfalls mit Applebroog-Notaten. »Afterwards I masturbate«. Oder so ähnlich. Ja, zwischendurch auch Vergnügen. Der fast 80-jährige Llyn Foulkes bespielt in den ersten Documenta-Wochen ein von ihm gebautes Musikinstrument - »The Machine«: ein Schlagzeug, mit einem Riesenensemble an Hupen, Becken, Kuhglocken, Basssaiten und sonstigem Drum und Dran. Seine Freude sei die Musik, sagt er, Malerei die Qual, weil endlose Arbeit. Foulkes Bilder, in die er Objekte, wie Polster, Haare oder Kleidungsstücke einarbeitet, erzählen vom Ende des amerikanischen Traums. Eine Welt, die Abenteuer suggeriert, aber auf dem Genozid aufbaut.

Die Rauminstallation »The Repair« des Franzosen Kader Attia beruht auf Recherchen in Algerien und Kongo und besteht aus einer Sammlung afrikanischer Skultpuren, die mit von den Kolonialmächten eingeführten Materialien wie Knöpfen oder Spiegelscherben repariert wurden. Dazu verstörende Analogien mit Fotos von invaliden Soldaten, die nach dem ersten Weltkrieg plastischen Operationen unterzogen wurden. Dazu noch medizinische Abgüsse von Gliedmaßen. Bizarre Szenarien, die fundamentale Fragen, um Deformation und Vernichtung von Körpern und von Kultur aufwerfen.

Aus der Ferne schwer vorstellbar, dass im gleichen Ausstellungsgebäude auch noch eine breite Präsentation einiger signifikanter Experimente und Forschungsergebnisse des Quantenphysikers Anton Zeilinger Platz findet. Tafeln mit handgeschriebenen Rechnungen und einige Tische mit technischen Geräten und Bildschirmen. Nachvollziehen lässt sich dieser enorme Sprung erst, sobald man sich vergegenwärtigt, dass sich auch Salvador Dalí für Quantenphysik interessierte, oder dass es hier um Verfahren der mathematischen Abstraktion geht, die auf vollkommen andere Weise der in der Nähe gezeigte Marc Lombardi anwendete, wenn er nach peniblen Recherchen die Strukturen global ausgeweiteter Machtsysteme in Politik und Ükonomie in gezeichnete Organigramme übertrug.
Themen der Wissenschaft, des ergebnisoffenen Forschens einerseits und deren technokratische Instrumentalisierung werden in der Orangerie fortgesetzt, wo eine Video-Installation von Mika Taanila den Bau des Atomkraftwerks Okiluoto 3 in der Kleinstadt Eurajoki dokumentiert; die größte Anlage auf dem europäischen Kontinent. Nach Planungsfehlern wurde deren für 2009 vorgesehene Inbetriebnahme verschoben. Nach der Katastrophe von Fukoshima wirkt der durchscheinende Optimismus etwas absurd. Als Pol am anderen Ende der Parabel eine breit angelegte Darstellung des Werks von Erkki Kurenniemi, ein Freak der nicht nur sein ganzes Leben und seine Arbeit per Video festhielt, sondern als Wissenschafter auch Pionier der elektronischen Musik ist. Dass Fortschritt hier nicht eiskaltes Kalkül bedeutet, sondern die Neugierde, neue Klangkonstruktionen zu erschaffen, bewies ein Quartett auf vier von Kurenniemis historischen Elektronikinstrumenten im Zuge der Eröffnung. An einer der Peripherien dieser Documenta direkt im Ausstellungsbereich rief ein wunderbares Konzert für eine Handvoll von Leuten in Erinnerung, wo die Wegmarken des Visionären zu entdecken sind.

dOCUMENTA (13) bis 16. September 2012

Bildunterschrift:
Attia Kader, The Repair from Occident to Extra- Occidental Cultures, 2012, »The Repair«: Diaprojektion und originale Artefakte aus Afrika »Repair as cultural anthropophagy and resistance«: Videofilme, Vitrinen, Artefakte aus Afrika und Europa, medizinische und militärische Teilstücke aus dem Ersten Weltkrieg »Relecture«: Lebensgroße Skulpturen aus Harz und Marmor, Sockel Maße variabel. In Auftrag gegeben und produziert von der dOCUMENTA (13) mit Unterstützung und freundlicher Genehmigung der Galleria Continua, San Gimignano/Peking/Le Moulin; Galerie Christian Nagel Berlin/Köln/Antwerpen; Galerie Krinzinger, Wien Ebenfalls gefördert von Fondation nationale des arts graphiques et plastiques, France; Aarc - Algerian Ministry of Culture, Foto: Roman März

Text: Roland Schöny | 03.07.2012

Referenzen:

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