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Gemischtes Durcheinanderleben - Meile mit Eile

Text: Michael-Franz Woels | 25.04.2012
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Die Ottakringer Straße im sechzehnten Wiener Gemeindebezirk als multikulturelles Biotop des Großstadtdschungels. 

2010 wurde das Stadtforschungsprojekt »Reisebüro Ottakringer Straße - Balkanmeile« vom bm:ukk, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, mit dem Preis der Jury für interkulturellen Dialog ausgezeichnet. Was nun in Buchform vorliegt, ist ebenfalls eine ausgezeichnete Dokumentation dieser zweijährigen Aktivitäten. Es ist ein Buch zum Drehen und Wenden, ein Buch mit der notwendigen ??Street Credibility??.

Die Initiatorinnen Antonia Dika, Amila Sirbegovi? und Barbara Jeitler - keine davon in Wien geboren - eröffneten im Mai 2009 temporär ein fiktives Reisebüro mit Bar und Souvenirladen in einem leerstehenden Geschäftslokal. Vom Info-Lokal aus wird der transkulturelle Transekt Ottakringer Straße einer exemplarischen Untersuchung unterzogen. Im Fokus steht die als gefährlichste Straße Wiens diffamierte Ottakringer Straße aka Balkanmeile. Der Name Balkanmeile wurde von der ex-jugoslawischen Diaspora-Jugend, die seit Mitte der 1990er-Jahre für die starke nächtliche Frequentierung sorgt, selbst geprägt. 1945 die Grenze zwischen dem französischen und dem US-amerikanischen Besatzungssektor, nun beliebter Fortgehort der Turbofolk-Community. 1/3 der Bewohnerinnen des Gebietes um die Ottakringer Straße sind ausländische StaatsbürgerInnen, 2/3 der UnternehmerInnen haben Migrationshintergrund. Meistverkaufte Tageszeitung ist die 1992 gegründete serbischsprachige Zeitung »Vesti«.

Der pseudo-touristische Blick der Veranstaltungen im Rahmen des Projektes »Reisebüro Ottakringer Straße« auf diese geschäftige Gegend sollte dabei helfen, Vorurteile aufzuspüren und diese gemeinsam abzubauen. Fünf Diskussionsabende zu den Themen »Stadtleben International«, »Fußball und Identität«, »Phänomen Turbofolk«, »Stadtraum Erdgeschoss« und »Vom Gastarbeiter zum ...?« versuchen wichtige Facetten des vielkulturellen Zusammenlebens im Multilog zu erkunden. Der Sprachwissenschafter Martin Reisigl hinterfragt Stigmawörter und Anthroponyme, also Personenbezeichnungen, von nicht in Üsterreich geborenen Menschen. Vom Sozialanthropologen Daniele Kárász findet man exemplarische Kartierungen, die die Vielschichtigkeit des Beziehungsgeflechtes Erdgeschosslokal grafisch ansprechend aufbereiten. Der Wiener Journalist Uwe Mauch liefert acht Kurzporträts von Geschäftsleuten dieser Straße, zwei Fotoserien durchwirken dieses Kompendium und belichten künstlerisch das Tag- und Nachtbild der Personenfluktuation. Das Wort Balkan kommt übrigens aus dem Türkischen und bedeutet soviel wie bewaldetes Gebirge. Zdravo Großstadtdschungel ...

Antonia Dika, Barbara Jeitler, Elke Krasny, Amila Sirbegovi?: »Balkanmeile. 24 Stunden Ottakringer Straße«, Wien: Turia + Kant 2011, 244 Seiten, EUR 26


Text: Michael-Franz Woels | 25.04.2012

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