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Precarious Pleasures -

Text: Michael-Franz Woels | 17.03.2012

fotocredit: Jorge Sánchez-Chiong 

Umschlag- und Wendepunkte im Wirkungsgefüge des Prekariats. Mangel bedeutet nicht immer Handlungsohnmächtigkeit ... Das künstlerische Team des Vereins Im_flieger äußert sich kollektiv zur am 23.-24. 3. im Palais Kabelwerk stattfindenden Reihe CROSSBREEDS 2012.


Wie ist Im_flieger, Verein zur Förderung performativer Kunst, organisiert?


Unser Interesse ist es, eine flexible, organische und fluktuierende Struktur unter Mitwirkung von Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen zu entwickeln. So ist eine zeitweise Bündelung von Potentialen und Ressourcen sowie eine effektive Arbeitsteilung möglich. Die freischaffende künstlerische Tätigkeit ist meist projektorientiert oder mit temporärem Aufenthalt im Ausland verbunden - dies gilt es zu vereinbaren mit der Kontinuität von Im_flieger.

Derzeit besteht das künstlerische Team aus Anita Kaya (Im_flieger-Gründungsmitglied 2000, seither künstlerische (Ko)leitung; seit 1984 als Tanz/Performanceschaffende tätig), Katrin Hornek (bildende KünstlerIn, seit 2009 im Team), Steffi Wieser (Tanzschaffende, seit 2010 im Team) und projektorientiert Sabina Holzer (Tanzschaffende, seit 2011 im Team) und Brigitte Wilfing (Tanzschaffende, seit 2011 im Team).

Im ständigen Dialog versuchen wir spezifische teamorientierte und multifunktionale Arbeitsformen zu entwickeln, wie sie auch vielfach im freien Produzieren typisch sind und experimentieren mit unterschiedlichen Strukturen - kollektive sowie flach hierarchische - in unserem täglichen Spagat zwischen Freiräume schaffen für künstlerisches Arbeiten und der Notwendigkeit einer Betriebsführung.

Im Sinne eines Wissenstransfers fließen die jeweiligen künstlerischen Interessen, Erfahrungen und das Know-how der mitwirkenden KünstlerInnen in die strukturelle Entwicklung des Gesamtkonzeptes sowie in die einzelnen Projekte ein und gleichzeitig profitieren die KünstlerInnen von Im_flieger.

Könnt ihr etwas zu eurem Selbstverständnis, zu euren Arbeits- und Produktionsbedingungen sagen?

Wir bewegen uns im Spannungsfeld zwischen künstlerischer und struktureller Arbeit, zwischen »Dienstleistung« und Kreation.

Im_flieger ist Forschungsstätte und Entwicklungslabor. Tanz und Performance werden im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffes verstanden - der gesamte Prozess künstlerischen Schaffens wird als Potential und Medium der Kommunikation in den Mittelpunkt gestellt.

KünstlerInnen werden aktiv bei der Entwicklung neuer Arbeitskonzepte und Strukturen von künstlerischer Zusammenarbeit unterstützt, und das Hervorbringen und Vorstellen neuer künstlerischer Werke soll weitgehend - ohne den Druck der gängigen Veranstaltungs- und Produktionspraktiken - ermöglicht werden.

Der Ausschreibung und Kuratierung von CROSSBREEDS 2012 ist zum Beispiel ein künstlerisch-theoretisches Labor vorausgegangen, eine Konzeption nahe der praktischen Arbeit, in der unsere Erfahrungen und Bedürfnisse als KünstlerInnen einfließen und die wir versuchen in Strukturen zu übersetzen, an denen andere KünstlerInnen teilnehmen können, die einen Austausch untereinander ermöglichen und Kommunikationsräume mit dem Publikum öffnen.
Ebenso ist es uns ein Anliegen, mehr Bewusstsein über den Kontext zu schaffen in dem wir arbeiten, über die Zusammenhänge von ästhetischen, politischen und sozialen Perspektiven.
So werden wir bei CROSSBREEDS mit den Teilnehmerinnen auch Interviews zum Thema ?berlebenskunst machen und sie zu ihrer beruflichen und sozialen Situation befragen. Geplant ist es, die Ergebnisse im Kontext der Herbstnummer der »Kulturrisse« der IG Kultur-Initiativen zu veröffentlichen. Derzeit gibt es von einigen KünstlerInnen sowie Interessensvertretungen massive Anstrengungen wieder auf die äußerst prekäre Situation von freischaffenden KünstlerInnen aufmerksam zu machen und Verbesserungen auf politischer Ebene zu erwirken.

Im_flieger ist eine sehr fragile Struktur, handelt und hantelt sich nun über zehn Jahre von Jahressubvention zu Jahressubvention (seit 2011/2012 gibt erstmals eine Zwei-Jahre-Subvention), was keine weitreichenden Perspektiven eröffnet.


Als KünstlerInnen-Initiative steht ihr für ein emanzipatorisches, inklusives Modell. Wie definiert ihr vor allem den Begriff des Inklusiven, man spricht ja auch von der sehr speziellen Tanzpraxis des Inklusiven Tanzes, dieser ist damit aber denke ich nicht gemeint?

Das wesentliche Prinzip der Inklusion, so wie wir es verstehen, ist die Wertschätzung der Diversität (Vielfalt). Es geht darum diverse Künstlerinnen in die Prozesse und Projekte, auch temporär, miteinzubeziehen. D. h. divers in Alter, künstlerischer Ästhetik und Praxen. Unser Interesse ist es in der Entwicklung des Modells im Kontext des Berufsfeldes Tanz/Performance vernetzend zu wirken, Austausch anzuregen, vorwiegend lokal, national, jedoch auch international auf der Ebene der KünstlerInnen und KünstlerInnen-Initiativen, diese zu stärken und Impulse zu geben, die in das gesamte Feld hineinwirken.


Welche Veränderungen habt ihr im Bereich zeitgenössischer Tanz, Performance und angrenzender Kunstformen in Üsterreich im Laufe des über zehnjährigen Bestehens des Vereins Im_flieger wahrgenommen?

Im_flieger agiert bewusst im Kontext einer sich seit Anfang der 1980er Jahre entwickelnden österreichischen Tanz/Performancelandschaft. Die Freiräume des WUK und die Möglichkeit der Selbstorganisation von KünstlerInnen in diesen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die »junge« Kunstform Tanz/Performance durch das Schaffen lokaler KünstlerInnen vor Ort wieder Aufmerksamkeit und Bedeutung in Wien fand und findet.
Vor dem Hintergrund der Institutionalisierung von Tanz mit der Realisierung des TQW, der stetigen Profilierung der Wiener Veranstaltungsorte und der damit einhergehenden Marktorientierung von Tanz/Performance Ende der 1990er Jahre, galt es ursprünglich, mit der Gründung von Im_flieger einen öffentlichen Freiraum innerhalb des WUK für freie Tanz/Theater/Performance-Schaffende zu erhalten, Künstlerinnen unterstützen KünstlerInnen bei der Präsentation ihrer Arbeiten.

Ich würde sagen: die Bedeutung des Begriffs »freie Szene« hat sich in Wien verändert. In den 1990er Jahren implizierte es eine gewisse institutionskritische Haltung. In den Nullerjahren hat das Tanzquartier und das Brut die internationale Vernetzung gefördert, aber die Vernetzung von Künstlerinnen untereinander ist ziemlich in den Hintergrund getreten. Zudem ist die nationale Vernetzung nicht wirklich vorangetrieben worden. Jetzt ist leider deutlich merkbar, dass für KünstlerInnen in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld keine politische Grundlage geschaffen wurde und die Aufbrüche der Nullerjahre nicht weiterentwickelt wurden, nicht weiter unterstützt werden. Das Berufsfeld der freischaffenden zeitgenössischen Tanz/Performance-Akteure wird als solches von der Politik nicht wahrgenommen. KünstlerInnen werden als UnternehmerInnen behandelt und bestenfalls mit der Kreativwirtschaft gekoppelt, was nichts mit den tatsächlichen Produktionsbedingungen und möglichen Lebensformen zu tun hat.

Eigentlich arbeiten und investieren im Moment schon drei Generationen in diesem Feld und wurden auch von Stadt und Land gefördert. Deswegen könnte man davon ausgehen, dass es ein allgemeines Interesse gibt, nachhaltige Strukturen aufzubauen. Der zeitgenössische Tanz und die Performance wird von der Politik immer noch so behandelt, als wäre es ein »playground für junge Leute«, dabei sind es relevante gesellschaftlich kritische, künstlerische Positionen. Oft hören ChoreografInnen, PerformerInnen und TänzerInnen (obwohl sie weiter tanzen/schaffen könnten) mit Vierzig auf, weil es kein Arbeitsumfeld mehr gibt und das Geld eher an »emerging artists« geht, die auch noch bereit sind, für sehr wenig Geld zu arbeiten. Diese Dynamik ist jetzt durch die Wirtschaftkrise und das Sparpaket noch stärker zu spüren.

Welche Veränderungen bringt der Ortswechsel mit sich, ihr habt ja jetzt in den ehemaligen LABfactory-Räumlichkeiten eine neue Homebase gefunden?

Nein, wir haben keine längerfristigen neuen Räumlichkeiten. Leider. Wir sind derzeit nomadisch und prekär unterwegs. In der ehemaligen LABfactory können wir maximal bis Sommer bleiben. Danach soll das Haus umgebaut und teuer vermietet werden. Wir suchen eine neue Verortung, doch dies lässt sich in unserer derzeitigen budgetären Lage und wegen den kulturpolitischen Entwicklungen nur schwer realisieren. Die Gelder für Unterstützungen von Standorten (Infrastruktur/Proberaum/Arbeitsraum) wurden für Freischaffende einfach »gestrichen«. Es gibt keinerlei Transparenz und schon gar kein Konzept über die Vergabe dieser Mittel und die strukturelle Entwicklung und Unterstützung von Proberäumen und Arbeitsstätten von KünstlerInnen. Ebenso verdrängen die Gentrifizierung und der Immobilienmarkt mit enorm steigenden Preisen die KünstlerInnen aus den Arbeitsstätten in der City.
Unsere ?berlebensstrategie derzeit: noch flexibler zu sein, uns in noch prekärere Verhältnisse begeben, uns mit unterschiedlichen PartnerInnen zusammenschließen. Uns mit dem Thema ?berlebensstrategien auseinandersetzen, Visionen und Wünsche artikulieren. Wie flexibel können wir noch werden, um zu überleben? Was kommt nach dem Prekariat?

Könnt ihr kurz das Konzept der CROSSBREEDS-Plattform für künstlerische Positionen im Dazwischen erläutern? Könnt ihr kurz auf die heurige Programmierung bzw. Kuratierung eingehen?

CROSSBREEDS ist aus dem Bedürfnis nach künstlerischem und theoretischem Austausch von spartenübergreifender Kunstproduktion entstanden.
Seit Anbeginn der Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes gibt es intensive Zusammenarbeiten zwischen Tanzschaffenden und Künstlerinnen aus der bildenden Kunst, der Musik aber auch anderen Berufssparten und den Wissenschaften. Die Plattform ist eine Akkumulation von hybriden Formaten, da unsere Arbeiten sich oft im Dazwischen bewegen und eine Vielfalt der Begrifflichkeiten (Lecture Performance, Performative Installation etc.) dies auch wiederspiegelt.

CROSSBREEDS wird öffentlich ausgeschrieben und wir wollen diese Offenheit auch erhalten.

Der Fokus des Pilotprojekt CROSSBREEDS 07 lag auf künstlerischen Positionen, die sich mit der Verschränkung von Tanz/Performance und anderen Medien, insbesondere mit Neuen Medien auseinandersetzten. Es wurden rund 30 Arbeiten lokaler und nationaler KünstlerInnen aus den Bereichen Tanz und Performance, Film/Video, Animation und Installation gezeigt. Bei der zweiten Auflage von CROSSBREEDS 2009, das wiederum in Kooperation mit Theater/Tanz WUK und dem neu hinzugewonnenen Partner Kunsthalle Exnergasse (unter Teilnahme von mehr als 60 KünstlerInnen vor Ort und 35 Werken) haben wir neben der grundsätzlichen Ausrichtung der Transdisziplinarität vor allem Konzepte junger Künstlerinnen unterstützt, die hier die Chance hatten ihre Projektideen umzusetzen.

Das Thema ?berlebenskunst der diesjährigen CROSSBREEDS-Plattform ist aus der eigenen Betroffenheit entstanden. Durch den Auszug aus dem WUK haben wir die kostenlose räumliche Basis verlassen, ohne einen neuen fixen Ort im Hintergrund zu haben. Diesen Moment des Ungewissen und Bodenlosen haben wir genützt, um uns auch inhaltlich und strukturell zu verändern. Wie oben beschrieben, haben wir uns in Form eines Labors mit unserer Situation auseinandergesetzt: eine praktisch-theoretische Auseinandersetzung rund um die Begriffe des Prekariats, des Eigenen und Fremden, des Körpers und seiner möglichen Analogien in uns umgebenden Systemen. Der diesjährige Kooperationspartner Palais Kabelwerk verfügt auch über mehrere Räume und verfolgt eine niederschwellige Programmierung.

Ebenso ist es uns im Sinne der Inklusion wichtig, diverse Formate, Ästhetik und Perspektiven auf das Thema, Künstlerinnen unterschiedlichen Alters und Hintergründe auszuwählen, sowie im Rahmen der Workstations die Realisierung von Konzeptideen junger bildender und darstellender KünstlerInnen zu unterstützen, auch wenn diese bei CROSSBREEDS erst als Skizzen oder »work in progress« zu sehen sind.
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?BER LEBEN/S KUNST
CROSSBREEDS 2012

Plattform für künstlerische Positionen im Dazwischen
23.-24. März , 14-24 Uhr
PALAIS KABELWERK

>> download Programm als pdf (368Kb)


Text: Michael-Franz Woels | 17.03.2012

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