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Philosophischer Affekt als politisches Moment der Liebe

Text: Léna Wicke-Aengenheyster, Michael-Franz Woels | 18.02.2012
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Foto: Marcus Steinweg
Marcus Steinweg ist Philosoph und Herausgeber der Zeitschrift »Inaesthetics« (Merve). Er arbeitet als Berater mit Künstlern wie Thomas Hirschhorn und Xavier LeRoy zusammen und lehrt an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig. So unkonventionell wie sein akademischer Werdegang ist auch seine Rede. Lecture oder Interview - der freie Fall als performativer Sprechakt. Marcus Steinweg über Philosophie und Kunst als Wissenschaft, Ükonomie und das Politische der Liebe: Für ein neues Zeitalter der Vision.

Kannst du uns etwas über dein Selbstverständnis als Philosoph und deine Arbeit im Kontext der Performancekunst erzählen?

Mein Begriff der Philosophie hat mit der Kategorie der Behauptung zu tun. Ich mache keine Performances. Wenn ich einen Vortrag halte, dann komme ich seit Jahren »nicht bewaffnet«. Das heißt auf eine gewisse Art unvorbereitet - um meine Vulnerabilität, meine Angreifbarkeit zu erhöhen, meine Schutzlosigkeit möglichst hoch zu halten. Ich finde es nicht gut, mit einem vorformulierten Text auf die Zuhörerschaft quasi souverän zuzugehen. Ich glaube an die Freihändigkeit des Denkens. Ich glaube an die Notwendigkeit, das Denken und die Philosophie als Üffnung oder Bewegung ins Freie zu definieren.

Du arbeitest ja auch mit Performancekünstlern wie zum Beispiel deufert&plischke zusammen. Welche Rolle spielst du bei solchen Kollaborationen?

Ich arbeite ja auch mit anderen Künstlern zusammen. Etwa seit Jahren mit dem Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn . Wir haben auch große Wandarbeiten gemeinsam gemacht. Demnächst kommt »The Map of Headlessness«. Das Motiv der Kopflosigkeit, das verknüpfe ich auch mit meinem Begriff der Behauptung. In Haupt steckt der alte Begriff von Kopf drin. Philosophie gibt es wie gesagt für mich nur als Behauptung, also jenseits von Beweisgründen. Kunst ist ja am Ende auch nur eine Formbehauptung. Es ist eine formale Setzung, eine Behauptung in dem Sinne, dass sie schlussendlich kopflos geschieht. Sie ist nicht gesichert, kann nicht auf einem stabilem Beweis gründen. Das gilt nicht nur für die Kunst, sondern auch für die Philosophie. Philosophie hat immer eine Art Hals-über-Kopf-Dynamik, sie ist eine Selbstbeschleunigungs-Dynamik eines zuletzt kopflosen Subjekts. Dieses kopflose Subjekt beschleunigt sich im Denken auf die Inkonsistenz der konstituierten Realität, des sozialen Universums. Philosophie verweist auf diesen Inkonsistenzpunkt.

Du bringst bei diaphanes die Zeitschrift »Inaesthetik« heraus. Im Januar erscheint eine Ausgabe zum Thema Geld mit dem Titel »Money«. Ein paar Worte darüber ...

Geld impliziert ein Konsistenzversprechen, das nicht gehalten wird. Mich interessiert die Kategorie des Vertrauens. Was die Erfahrung oder Kategorie des Geldes uns für die Konfrontation mit der Realität lehren kann ist, dass Realität so lange funktioniert, solange wir ihr einen Kredit einräumen. Dieser Kredit bleibt aber ein ungesicherter. Die Kategorie des Vertrauens verbindet sich mit der Kategorie des Versprechens. Das ist die Erfahrung der Ükonomie: Inkonsistenz als Bedingung der Möglichkeit von Ükonomie. In der Realitätserfahrung geht es insgesamt auch darum, zu begreifen, dass dieses Gesetz der Äquivalenz und Reziprozität eine gewisse Inkonsistenz behält. Unsere konstruierte Realität, diese symbolische Bedeutungs-Architektur, ist eine provisorische, prekäre, fragile, fliegende Architektur.

Künstlerische Projekte werden ja zurzeit sehr häufig auch als Forschungsmomente begriffen. Hast du damit Erfahrung?

Aus meinem Unterrichten an der Kunsthochschule in Braunschweig habe ich die Erfahrung gemacht, dass es bei Kunst nicht primär um Wissensvermittlung geht. Wissensvermittlung ist unvermeidbar. Ich glaube nur, dass man den Begriff des Wissens öffnen muss auf das, was man eine Erfahrung nennen könnte. Philosophie ist ja gerade die Infragestellung der etablierten, normativen Kriteriologie. Wir brauchen eine wissenschaftliche Genauigkeit, eine Plausibilisierung dessen was man sagt. Aber es gibt auch den Moment, wo das Argument sich selbst überdreht auf das, was es selbst nicht mehr einholen kann. Diese ?berdrehung ist dann der Moment der Philosophie.

Wenn du jetzt an die Zusammenarbeiten mit den Performancekünstlern denkst, hast du den Probenprozess auch als Forschungsmoment begriffen?

Ich versuche bei mir zu bleiben. Also bei Text und Sprache. Ich glaube an Parallelismus in der Zusammenarbeit. Jeder bleibt bei sich, bei seiner ihm eigenen Form. Thomas Hirschhorn und ich haben das »Work in Blindness« genannt.

Inwiefern kann Performance eine Vision kommunizieren? Kann Performance in der Kommunikation von Visionen eine erste Realisierung darstellen?

Vision hat etwas mit Sehen, Transparenz und Intransparenz zu tun. Philosophie hat sich im Verlauf der abendländischen Geschichte massiv am Vokabular der Visibilität, der Sichtbarkeit orientiert und entlangartikuliert. Philosophie ist Transparenz auf Intransparenz: das Sehen so weit zu treiben bis du nichts mehr siehst - an der Mauer der Unsichtbarkeit zu rühren, aber nicht indem du vorzeitig die Augen verschließt. Ich bin nicht für diesen freiwilligen Obskurantismus der sich unmittelbar in die Undeutlichkeit schmeißt.

Dein letztes Buch heißt »Aporien der Liebe«. Was fasziniert Dich an dieser Thematik?

Man kann nicht aus guten Gründen lieben. Wie können wir uns aber vom romantischen Verschmelzungs- und Liebeskitsch ein Stück weit emanzipieren, um wirklich zu lieben? Das heißt grundlos zu lieben, aber im Bewusstsein dessen, dass es nicht um diese narzisstische Auto-Erotik geht. Man ist ja auch nicht sexy, wenn man permanent vor dem anderen dahinschmelzt. Man muss ja auch eine gewisse Konsistenz mitbringen. Das ist ja wie wenn man ohne Geld ins Casino gehen würde. Du musst einen Resteinsatz zurückbehalten, damit du spielen kannst. Es geht um das Spiel, um Konsistenz, um Einsatz, um eine Verlustfähigkeit. Es geht auch darum, bei der Kunst, der Philosophie und in der Liebe seine Leidenschaft zu präzisieren. Warum will ich was ich will?

Liebe ist ja auch eine Emotion. Kann Liebe deiner Meinung nach auch politisch sein?

Liebe ist nicht ausschließlich Emotion. Jedenfalls in dem Sinne, als dass Emotion der Rationalität entgegengestellt betrachtet werden kann. Ich glaube Emotionen sind streng ritualisiert, streng stereotypisiert. Wir sind in unserer vermeintlich so authentischen, singulären Gefühlsökonomie völlig durchschossen von Determinanten, die uns diktieren, wann ein Gefühl ein vermeintlich authentisches sei. Ich glaube Liebe ist politisch, weil es letztendlich darum geht, sich mit einer bestimmten Person zu verbinden. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Feigheit. Wir brauchen Mut, um zu lieben. Das ist ja das, was ein Narziss nicht checkt. Er benutzt den anderen, um seine Liebesökonomie stabil zu halten, aber sich einer echten Begegnung, einer Erfahrung entzieht. Das politische Moment der Liebe hat eben damit zu tun, dass man sich einer realen Andersheit öffnet. Das kann die eigene Identität ins Wanken bringen. Das finden wir auch im Krisenmoment, im kritischen Moment des Denkens in der Philosophie. Man muss in der Philosophie, in der Kunst und in der Liebe so anspruchsvoll sein, dass man am Ende nicht unverändert aus dieser Erfahrung hervorgeht.

Text: Léna Wicke-Aengenheyster, Michael-Franz Woels | 18.02.2012

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