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Die performative Erforschung der Zeichnung

Text: Michael-Franz Woels | 06.01.2012
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julia kläring © stephan doleschal
Interview mit der Kuratorin Julia Kläring über das Symposium »Performing Memory«, die Früchte daraus, Comics u. v. m. 

m Herbst des Jahres 2010 fand im Kunstraum Niederösterreich in der Herrengasse ein Symposium mit dem Titel »Performing Memory« unter internationaler Beteiligung statt. Das punschkrapferlrosarote Büchlein mit der Dokumentation der vielfältigen Beiträge ist mittlerweile in limitierter Auflage von 500 Stück erhältlich. Die in Wien geborene Künstlerin und Kuratorin Julia Kläring war gemeinsam mit Virginie Bobin für das Konzept dieser Veranstaltung verantwortlich und performte in diesem Rahmen gemeinsam mit Andrea Salzmann, Birgit Michlmayr und Stefan Geissler die Show »37 years too late«. Die zentrale Fragestellung dabei: Was ist uns an einer Performance, die vor 37 Jahren stattgefunden hat, heute noch wichtig? Die vierteilige Performance-Serie konglomerierte aus einem Audio-Piece, einer Speech, einem Interview und einer Showdarbietung. Im Oktober 2011 wurde die Serie von Performances »37 Jahre zu spät« in Basel und in Brünn im Rahmen von zwei Konferenzen mit den Themen Performance, Medien und Archive vorgestellt.

Im Jänner 2012 wird Julia Kläring wieder eine Ausstellung für den Kunstraum Niederösterreich kuratieren (Eröffnung: 19. 1.2012, 19 Uhr, Dauer: 20. 1.-17. 3.2012). Der Schwerpunkt wird dabei auf Zeichnungen liegen, der Titel: »Nicht nur ein Bild, sondern eine ganze Welt«. Und damit kehrt sie wieder zu ihren künstlerischen Wurzeln zurück, ist sie doch auch als Comic-Zeichnerin kein unbeschriebenes Blatt. Unter dem Label Jukl-Kommix entstanden zwischen 2000 und 2006 eine Reihe von Comics-Produktionen. Sie verbreitet ihre Characters auch via T-Shirt-Siebdruck und initierte damals eine kollektiv genutzte Siebdruckwerkstatt im EKH. Seit 2010 gibt sie ihre Zeichenleidenschaft in Form einer Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenen Künste in Wien an zukünftige Comic-ZeichnerInnen weiter.  

Seit wann beschäftigst du dich intensiver mit dem Medium Zeichnung?


Seit ca. 1999, da sind meine ersten Comics und Zines unter dem Namen jukl-kommix entstanden. Die habe ich selbst kopiert, und bei Veranstaltungen gegen Unkostenbeitrag vertrieben. Die Themen waren ganz klar feministisch, aktivistisch, und gesellschaftskritisch. Heute gibt es jukl-kommix noch immer, ich mache derzeit vor allem Motive für T-Shirts, die von der siebdruckeria und common shirts gedruckt und vertrieben werden.

Die Zeichnung war immer ein Medium, das meine Arbeit begleitet hat. Auch aus pragmatischen Gründen, die Herstellung geschieht ganz direkt und man braucht nicht viele Mittel. Im Gegensatz zu Fotografie oder Film, zum Beispiel. Ich habe mich mit vielen Medien befasst, in den letzten Jahren vor allem mit Performance, aber mein neues Projekt mit dem Arbeitstitel »Rather an Art Dreamer« wird wieder stark vom Medium Zeichnung Gebrauch machen.

Gibt es so etwas wie Grundvoraussetzungen für einen ausdruckstarken Comic, bestimmte »Regeln«?

Die Themen und Formen haben sich seit der Entstehung von Zeitungscomics in den 1910er und 1920er Jahren stark verändert und entsprechen immer den jeweiligen Diskussionen einer Gesellschaft. Derzeit sind ernsthafte, längere Erzählungen gefragt, die sogenannten Graphic Novels. Sie behandeln auch umstrittene oder tabuisierte Themen, wie z. B. Alison Bechdel in »Fun Home« ihr Coming Out als Lesbe, Marjana Satrapi in »Persepolis« ihre Kindheit im Iran, Davide B. in »Epileptic« die Krankheit seines Bruders, oder Debbie Drechsler in »Konstellationen« den Missbrauch an zwei Mädchen.

Die Umsetzung sollte die spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten des Comics, mittels Kombination aus Bild und Schrift, und das ganze Seitenlayout mitbedenken. Aber es gibt meiner Meinung nach keine festen Regeln, und ich sage meinen Studierenden immer, sie sollen so viel wie möglich ausprobieren, mit Schrift und dem Strich der Zeichnung ganz offen umgehen, und was Neues zulassen.
 
Sind die Bilder beim Zeichnen schon vorher im Kopf oder entstehen sie erst beim Zeichnen?

Teils, teils. Manche Bilder sind schon lange im Kopf, manche Ideen finden erst beim Skizzieren Bilder.
Und selbst, wenn Bilder schon im Kopf ganz klar sind, kann die Hand Dir auch mal einen Streich spielen und sich in eine unvermutete Richtung bewegen. Ich finde aber gerade die Handlung des Zeichnens selbst, also auch die Unvorhersehbarkeit und das Zulassen, auch interessant. Es kommt wahrscheinlich darauf an, was man machen will, und danach wähle ich meinen Zugang.  

Wie lassen sich die Grenzen zu anderen künstlerischen Gattungen, wie zum Beispiel Performance Arts oder Video Arts damit ausloten?

Die Grenzen sind natürlich fließend. Auch in der Performance-Kunst kann Zeichnung ein Element sein. Für die Ausstellung »Nicht nur ein Bild, sondern eine ganze Welt« entwirft der italienische Künstler Davide Savorani eine Performance mit dem Titel »I swear I saw it, pt.3«, in der er dieses Verhältnis thematisiert. Er lässt vier bis fünf andere KünstlerInnen vor der Eröffnung der Ausstellung Szenen zeichnen, die nur sie sehen. Wenn das Publikum dann später da ist, lässt er die Anwesenden auch in die Zeichnungen eintragen. Die beiden Momente treffen sich nur im Bild, nie in »Wirklichkeit«. Sie sind gleichzeitig nicht ohne die Anwesenheit des Publikums bei der Performance möglich.

In meinen eigenen Live-Performances und Video-Performances ist oft die Herstellung von Zeichnungen der performative Akt, oder, wie zuletzt in »37 Jahre zu spät«, Beleg, Beweis, dokumentarisches Material - wenn auch teilweise fiktional oder gefälscht - für Aussagen in der Performance. Mein neues Projekt befasst sich mit dem Moment in KünstlerInnenbiografien, an dem KünstlerInnen aus ?berzeugung beschließen, ihren Beitrag zum Kunst-Business zu beenden. Diesmal werden die Zeichnungen mittels Animation in Bewegung versetzt. Sie bekommen also eine zeitliche Dimension.

Inspiration für den Ausstellungstitel »Nicht nur ein Bild, sondern eine ganze Welt« lieferte der Comic «Die Zeichnung« von Marc-Antoine Mathieu. Kannst du etwas näher auf den Autor und dessen Werk bzw. den Protagonisten in seinem Comic eingehen?

Marc Antoine Mathieu ist ein Zeichner, der sehr medienreflexiv mit Comics arbeitet. Seine Comics thematisieren die Anwesenheit des Zeichners/der Zeichnerin, das Papier, die Tusche, den s/w-Kontrast, die Reproduktion, Wiederholung der Figuren und die serielle Herstellung. Es gibt ja die Theorie von Ole Frahm, dass Comics immer mehr (mit AutorInnen-Comics und grafischen Erzählungen) in die Nähe der sogenannten Hochkultur gerückt werden. Frahm schreibt weiter, und das finde ich spannend, dass es ein Wesenszug von Comics ist, dem bürgerlichen Kunstbegriff, der von Werk, Original und Genie lebt, grundsätzlich zu widersprechen. Im Comic sind die Figuren nie einzigartig, sondern wiederholen sich von Bild zu Bild, von Ausgabe zu Ausgabe. Die Comicstrips, Hefte und Bücher leben von ihrer Vervielfältigung, von der Reproduktion in Zeitungen usw. Diese Fragen sind bei Mathieu eingebettet in recht klassische Geschichten und seinem Zeichenstil. Das finde ich interessant und deshalb stelle ich den Zeichner auch immer meinen Studierenden am Institut für das künstlerische Lehramt an der Akademie der bildenden Künste vor.

In »Die Zeichnung« wird inhaltlich eine Brücke vom Comic zur bildenden Kunst geschlagen - wenn man so eine Trennung jetzt mal zur Vereinfachung der Darstellung heranzieht - und das war für mich ein passender Aufhänger für das Ausstellungskonzept im Kunstraum Niederösterreich. ?mile, der Protagonist der Erzählung, erbt eine rätselhafte Zeichnung. Jedesmal, wenn er sie betrachtet, kann er weiter in das Bild hineinblicken und entdeckt neue Szenen. Er beginnt Ausschnitte aus diesem unendlichen Bilder-Fundus zu reproduzieren und wird mit diesen Bildern sogar ein erfolgreicher Künstler.

In der Ausstellung will ich anhand dieser Geschichte nicht nur ein Thema behandeln, und das mit künstlerischen Arbeiten illustrieren, sondern »Die Zeichnung« als Ausgangspunkt nehmen und anhand verschiedener künstlerischer Positionen in verschiedene Richtungen weiterdenken - den Blick auf die Zeichnung, die Abbildung der Welt, das Welten-Erfinden, den Kunstmarkt ...

Würde dich auch das Kuratieren bzw. Arbeiten im urbanen öffentlichen Raum reizen?

Grundsätzlich schon, bisher fanden meine Projekte aber in anderen Räumen statt. Das ist so gewachsen. Ich denke auch, dass der öffentliche Raum ein spezielles Wissen und eine intensive Auseinandersetzung braucht.

Wie wichtig sind Raumkonzepte generell für Dich als Kuratorin und Künstlerin?

Der Raum ist immer wichtig, die Beziehung, die Arbeiten miteinander eingehen kann die einzelnen Arbeiten ja verstärken. Auch eigene Arbeiten bekommen immer wieder ein verändertes Aussehen, je nachdem, wo sie gezeigt werden.

In der Ausstellung »Geschichte/n verwahren«, 2009 in der IG Bildende Kunst, haben Katharina Lampert und ich, als Kuratorinnen, die Künstlerin Johanna Kirsch eingeladen ein Raumkonzept für den gesamten Ausstellungsraum mit uns zu erarbeiten. Sie füllte den Ausstellungsraum mit Kartonschachteln, die an Archivboxen erinnerten. Die Schachteln dienten auch als Mobiliar für die gesamte Ausstellung. Sie hat einerseits unsere Auseinandersetzung  als Kuratorinnen mit Geschichte und Archiv damit verstärkt sichtbar gemacht, als auch die anderen Arbeiten miteinander verbunden.

In der Ausstellung »Nicht nur ein Bild, sondern eine ganze Welt« überlege ich natürlich auch ganz genau, welche Arbeit wo sein wird, mit welcher sie dort korrespondiert und was sich die einzelnen Beiträge gegenseitig - und damit den BetrachterInnen - sagen können. Es wird aber keine einheitliche Raumgestaltung geben, wie 2009, und manche Fragen muss man auch praktisch denken: Welche Wand hält ein schweres Objekt aus? Eine Arbeit, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht, und den Raum wie Unkraut besetzt, ist »Wachsender Widerstand« von Iris Christine Aue. Sie bildet Wildpflanzen nach, gezeichnet und genäht, die sonst im urbanen Raum sprießen, und »pflanzt« sie zwischen die anderen Arbeiten. Ich habe sie u. a. ausgewählt, weil mir gefällt, wie sie den Ausstellungsraum auf sehr spezielle Art und Weise thematisiert.  

Mit welchen Herausforderungen bist du als werdende Mutter, die im Kunstbereich tätig ist, aktuell konfrontiert?

Im allgemeinen ist die Resonanz bis jetzt positiv. Da hat sich schon einiges verändert, die Väter nehmen ja auch eine andere Rolle ein, als sagen wir mal noch in den 1970er oder 1980er Jahren. Es gibt auch starke Frauen-Netzwerke, und künstlerische Arbeit und Kinder schließen sich nicht aus. Auch wenn Üsterreich eine besonders kinder- und mütterfeindliche Gesellschaft ist - im Gegensatz zu anderen europäischen Länder, wie z. B. Frankreich. Und daher habe ich noch immer das Gefühl, dass viele befreundete KünstlerInnen keine Kinder wollen, weil sie um ihre Karriere fürchten würden.  
Wir haben uns ja vor mehr als zehn Jahren bei der ehrenamtlichen Kultur- und Politikarbeit für das selbstverwaltete StudentInnen-Beisl T?WI das erste Mal kennengelernt. Wo steht Feminismus im Jahr 2012?

Ich habe derzeit einen recht pessimistischen Eindruck von der Entwicklung unserer Gesellschaft, und meine, wir leben vielmehr in einer Zeit des Backlash, als in einer Zeit des Aufbruchs. Während der Arbeit am Projekt »37 Jahre zu spät« haben Andrea Salzmann und ich natürlich viel über die 2. Feministische Bewegung der 1970er Jahre diskutiert. Viele Ansätze von damals kommen mir heute fast peinlich vor. Trotzdem gibt es noch viel zu diskutieren und zu verändern, denn manche Forderungen der früheren feministischen Bewegungen sind noch lange nicht erfüllt, z. B. gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Die Debatten um Gender- und Queer-Theorie haben aber auch den Blick auf die Forderungen verändert, und manche müssen umgedacht werden. Ein komplexes Thema, das sich so kurz gar nicht abhandeln lässt.

Was unterscheidet für Dich Artistic Research vom Academic Research? Gibt es da überhaupt Unterschiede?

Das Schlagwort der künstlerischen Recherche hat für mich zwei Seiten - einerseits die Kritik an der konsumierbaren, verwertbaren, oft objektgebundenen künstlerischen Arbeit, andererseits aber auch die Vereinnahmung in einer vereinheitlichten akademischen Ausbildung (statt Bildung). Ich denke, dass die künstlerische Recherche andere Mittel zur Erkenntnisgewinnung hat als die akademische Forschung. Mittel, die so weit reichen, so weit eine KünstlerIn eben gehen kann. Die akademische Forschung nimmt auch selten Medien wie Film, Zeichnung, Performance in Anspruch. Und wenn, so ist die Legitimierung des Forschungsresultats dann meist umstritten.  

Kannst du zum Abschluss kurz über deine bisherigen Recherche-Ergebnisse zu deinem Projekt über KünstlerInnenschicksale, über Biografien prekär arbeitender Künstlerinnen, erzählen?

Bisher habe ich vor allem historische Fälle recherchiert, die ja teilweise sehr bekannt sind, wie z. B. Lee Lozano. Die erfolgreiche New Yorker Konzeptkünstlerin ließ ihren Ausstieg beim »General Strike Piece« (1969) anklingen, indem sie ihre Abwesenheit bei Veranstaltungen der Kunstwelt zum Konzept machte, und verließ diese kurz darauf für immer. Ich möchte im nächsten Schritt ProtagonistInnen interviewen, die in der heutigen Zeit ihre Karriere abbrechen, oder zeitweise aussetzen, weil sie mit den Produktionsbedingungen in der Kunst nicht einverstanden sind. Sind die dann keine KünstlerInnen mehr?

Text: Michael-Franz Woels | 06.01.2012

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