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In der Kampfzone um den Glockenklang

Text: Roland Schöny | 07.09.2011
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Soziale Auseinandersetzungen rund um auditive Zeichensysteme in der Üffentlichkeit konstituierten sich keineswegs erst im Zuge des Aufbruchs des Rock'n'Roll oder im Zeitalter des ideologischen Getöses der Futuristen. Im Jahrhundert nach der Französischen Revolution wurde das Geläute der Glocken zum Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen auf lokaler wie nationaler Ebene um die politische Macht über die öffentlichen Zeichensysteme in Frankreich.

Im Jahr 2010 über die Bedeutung des Klangs von Kirchenglocken zu sprechen, mag genauso exotisch daherkommen wie die von rechtkonservativen Kräften in Europa initiieren politischen Initiativen gegen Minarette widerwärtig sind, weil diese nichts anderes im Sinne haben als Nationalismus und Xenophobie zu rehabilitieren und von der Vorstellung eines gereinigten Volkskörpers zur Lösung der aktuell drängenden sozialen Probleme geleitet werden. Ebenso mag es überraschen, wenn über den Klang der Kirchenglocken im Kontext von sound-culture reflektiert wird, wo in diesem Bezugsfeld doch eher ästhetische Konfigurationen im acustic space avisiert werden und Glockengeläute innerhalb der Resonanzverhältnisse des Alltags zunehmend den Charakter eines trivialen Zeichens annimmt, das irgendwo zu den Restbeständen einer längst vergangenen Form der Feierlichkeit zählt. Daher scheinen auch die Identifikationsmomente mit der Glocke als feierlichem Zeichen am Zenit des Tages allmählich zu schwinden. Angesichts der grassierenden Phone-In-Sendungen in nahezu allen Radiostationen wird evident, dass selbst die einstmals beliebten Rundfunkübertragungen klingender Mittagsglocken zur Strukturierung des Tagesablaufs ausgespielt haben.

Daher eröffnet sich eine vollkommen andere Lautsphäre, wenn man weit hinter jenen Szenewechsel zurückblickt, den Marshall McLuhan als ?bergang von der sprachlichen Kommunikation - im Sinne eines Niedergangs der »Literacy« - in eine Sphäre der medialen Effekte und Simultaneität von Informationen für das 20. Jahrhundert konstatierte, und den Versuch einer Bewegung in den akustischen Raum des prämedialen Zeitalters unternimmt. Im 19. Jahrhundert ist dieser an den sich verdichtenden Knotenpunkten urbaner Agglomerationen durch Zunahme des Straßen- und Verkehrslärms und allmählich sich verbreitendes Getöse in den Fabriken und Manufakturen geprägt.

Glocke als ordnendes Instrument
Doch um mentale Vorgänge zu rekonstruieren, genügt es keineswegs, die Häufigkeit, die Form und die Intensität der Klangbotschaften zu rekonstruieren. Die Rezeption ist oft abhängig von der Textur der gesamten sensorischen Umwelt. Hinzu kommt die symbolische Bedeutung im Sinne der sozialen Codierung der Geräusche und Klänge im öffentlichen Raum. ?ber das als topografisches Netzwerk angeordnete Klangsystem der Kirchenglocken, das seit dem Spätmittelalter eine hegemoniale politische Ordnung in den europäischen Alltag einzog, konstituierte sich zum einen zwar eine auditiv fixierte Struktur des Alltags. Wie in vielen Kulturen symbolisierten Glocken das Numinose. Als in regelmäßigen zeitlichen Abständen präsente öffentliche Zeichen erinnerten sie aber nicht allein an die Nähe eines Gotteshauses als Teil eines irdischen Koordinatensystems, das in Vertretung eines fernen, ungreifbaren Reichs errichtet worden war. Glocken warnten auch vor Feuersbrünsten und sich ausbreitenden Seuchen. Ihr Klang verkündete Feste und forderte selbstverständlich dazu auf, in ritualisierter Form, die Nähe des Herrn aufzusuchen. Auf der einen Seite war dies mit sozialer Kontrolle verbunden. Die strukturierte Präsenz der Glocke trug aber auch zur mentalen Formung bei und steuerte das kollektive Leben, indem sie einen festgefügten Rhythmus vorgab. Was im frühen Mittelalter noch Eingriff in den Alltag durch die Boten Roms war, hatte sich längst als repetitiv wiederkehrender Teil einer verbindenden Gefühlskultur etabliert.

glock.jpgUnter diesen Parametern den Glockenklang auf ein Instrument der Ordnung und Kommunikation zu reduzieren, würde daher diesen zentralen Aspekt einer gefühlsmäßigen Anbindung an ein Instrument, welches das öffentliche Leben im sozialen Sinn orchestrierte, ausklammern. Wie der Historiker Alain Corbin in seiner Untersuchung der Wirkung der Symbolsprache der Glocken [1] am Beispiel des ländlichen Frankreich im 19. Jahrhundert herausarbeitete, kam es vor diesem Hintergrund speziell im Zeitalter nach der Französischen Revolution zu widersprüchlich verlaufenden Entwicklungen im Ringen um die Herstellung klanglicher Identität. Es entbrannte ein Kampf um die Herrschaft über die öffentlichen Zeichensysteme. Denn die neue republikanische Politik richtete ihr Interesse daraufhin aus, alles einzudämmen, was zum privaten Leben gehörte. Daher wurden über Verordnungen und Kontrollmaßnahmen Versuche gesetzt, den massiven Wunsch nach klanglicher Untermalung des Alltags einzudämmen. Dies wiederum bewirkte ein Aufbegehren der Bevölkerung in zahlreicher Gemeinden verbunden mit einem gesteigerten Engagement für den Fortbestand des Glockenspiels in ihrer unmittelbaren Lebensumgebung. Währenddessen brachten die sich ausbreitenden Geräusche im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung eine sukzessive Entzauberung und Desakralisierung der Welt mit sich. Letztlich lief das Heulen der Sirenen in den Fabriken den Glocken den Rang ab, was selbstverständlich nicht auf Frankreich beschränkt blieb, sondern das Leben des Kapitalismus zu takten begann.

Konflikte um die Präsenz des Glockenklanges
Der realpolitische Kampf um den Glockenklang manifestiert sich in einer Vielzahl von Verordnungen und Protokollen, schlägt sich aber auch in den Investitionssummen mancher Gemeinden für neues Glockengeläute nieder, die zum Teil die Ausgaben für Erziehung und andere Sozialmaßnahmen überstiegen. Die Republikaner hingegen intendierten eine Reduktion der sinnlichen Präsenz, um die Sakralisierung von Raum und Zeit einzuschränken. Während aber von Seiten der Zentralgewalt die Abnahme der Glocken in bestimmten Departments angeordnet wurde, um diese etwa in Münzen oder Kanonen umzuschmelzen, brachten die lokalen Behörden ihre Verweigerung durch Verzögerung oder Verschleppung zum Ausdruck. Manche Gemeinden versuchten sich überhaupt taub zu stellen, was 1791 etwa im Bezirk Boulay (Moselle) der Fall war. Bereits im Jahr 1792 aber forderte eine Reihe von Erlässen die Verringerung der Geläute, was in der Praxis auf enorme Widerstände stoßen konnte.

»In Marolles-les-Braults mussten 250 Soldaten und ein Artilleriegeschütz aufgeboten werden, um am 7. Oktober 1793 zu erreichen, dass die beiden Glocken der Gemeinde abgehängt wurden.

In Hombliere (Aisne) verwehrte die Menge den Bezirkskommissaren, die gekommen waren, um Glocken zu beschlagnahmen, den Zutritt in die Kirche; anschließend verjagte man die ??Eindringlinge??. Die aus Saint-Quentin gekommenen Soldaten zogen sich angesichts der Entschlossenheit der Aufrührer notgedrungen zurück. Es bedurfte des Eingreifens einer Kompanie Dragoner, um die Rebellion niederzuschlagen.« [2]

Umschmelzen des Sakralen für weltliche Zwecke

glock2.jpgDies waren keineswegs Einzelfälle. Vielmehr dokumentieren die sich über ganz Frankreich erstreckenden Auseinandersetzungen im ausgehenden 18. Jahrhundert die enorme mentale Bindung an den Klang der Glocke, aber auch deren symbolische Bedeutung als öffentliches Zeichen, das von den Republikanern den Ritualen des Ancien Regime zugeordnet wurde. Es häufen sich daher Dokumente, in denen von Zwischenlagerungen, Vergrabungen und Entführungen der Glocken die Rede ist. So entstanden raumbezogene Legendenbildungen, was wiederum die Sakralität mancher Orte durch die tatsächliche oder
imaginierte Anwesenheit versteckter - geweihter - Glocken begründete.

Auf der Basis seiner Analysen schätzt Alain Corbin, dass während der Revolution von rund 60 000 Glockentürmen etwa 100 000 Glocken entfernt wurden. Selbst wenn dies zu hoch gegriffen ist, wurden von den Türmen etwa 50 000 Tonnen Metall geholt, abtransportiert, eingeschmolzen oder verkauft. Unschwer vorzustellen, dass dieser Umbruch eine »völlige Zerrüttung der vertrauten klanglichen Umwelt, des gewohnten Informationssystems, der bekannten Sprache der Befehle und der überkommenen Weisen des Ausdrucks kollektiver Gefühle« [3] bewirkte. Für Corbin fungiert das 19. Jahrhundert hier als Observatorium, in dem er sich an die Verknüpfungen zwischen politischen Intentionen und der Sphäre des Auditiven annähert. Angesichts der Dichte des Klangnetzes in Frankreich sowie der Häufigkeit und der Intensität des zu dieser Zeit noch von anderen akustischen Einflüssen ungestörten Glockenklanges, verstärkt durch die multiplizierende Wirkung des »schwingenden Läutens«, konstituiert sich im Zuge der republikanischen Maßnahmen ein nachhaltiger Bruch, der unabhängig von seinen sozialen Auswirkungen auf die enorme Bedeutung der gesellschaftlichen Codierung der akustischen Welt verweist, lange bevor die Futuristen Industrielärm und Geräusche zum ästhetischen Ereignis erklärten. Hier bereits lässt sich beobachten, wie sich über die Ebene von Klang - oder Sound im weiteren Sinn - gesellschaftliche Codes manifestieren. ?ber das Repertoire symbolischer Bedeutungen von öffentlichen Klangarchitekturen außerhalb des später als Institution bürgerlicher Üffentlichkeit konstituierten Konzertsaals werden also soziale Zusammenhänge mit nachhaltiger Bedeutung für die Zugehörigkeit zu Gruppen oder Parteien formiert. Die Glocke als Zeichen des Liturgischen und der Disziplinierung durch die katholische Kirche wird in Zone der Konflikte um gesellschaftliche Reformen verschoben, was den Weg für ihren profanen Gebrauch frei macht.

[1] Alain Corbin: Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts (= Le Cloches de la terre. Paysage sonore et culture sensible dans le campagnes au XIXe siècle, Paris 1994). Aus dem Franz. von Holger Fliessbach. Frankfurt/M. 1995.
[2] ebd., S. 38
[3] ebd., S. 45


Text: Roland Schöny | 07.09.2011

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