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Vergoldetes Achsel- und Schamhaar

Text: Michael-Franz Woels | 22.03.2011
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Lena Wicke-Aengenheyster ist Performancekünstlerin und freie Produzentin in Wien. Am Freitag, 25. März (ent)steht ab 20 Uhr eine Art & Policy Performance-Party im WUK im Zeichen weiblicher Souveränität, die sich dem female empowerment sowie einem rituellen Aufbegehren gegen die den Menschen usurpierenden Kräfte des Kapitalismus widmet - unter dem krytischen Motto: »Aus dem Jetzt heraus in das Jetzt hinein. Das Lächeln der Mona Lisa.«

Foto © Dario Srbic
Artwork © Susanne Schuda


Kannst Du das Rahmenprogramm von »Heroic SOVEREIGN, verführt. ART and POLICY - female empowerment« fashion, performance, music im WUK erläutern?

Lena Wicke-Aengenheyster: Der ganze Freitag steht unter dem Zeichen der Souveränität. Die Frage der Souveränität wird an diesem Abend durchgespielt. Es beginnt mit dem Club Mindfuck. Der Club Mindfuck bietet unter dem Aspekt der Monetarisierung ein fünfzehnminütiges Tête-à-tête mit einem Künstler, einer Künstlerin an. Den Eintrittspreis gilt es im vorhinein zu verhandeln, die Leistungen der KünstlerInnen werden nicht preisgegeben. Es gibt sechs Kabinen, in denen der Künstler, die Künstlerin und der Zuschauer, die Zuschauerin auf engstem Raum zusammengeführt werden. Es findet eine direkte, intime Kommunikation statt - der Zuschauer, die Zuschauerin bleiben allerdings anonym. Dem schließt sich die Fashion-Show der Heroic SOVEREIGNS an. Hier geht es um die Souveränität am Körper. Damit verbunden ist auch die Situation, wie du als Frau über die ideellen Maße des Körpers nachdenkst. Jedes Mädchen beginnt mit 14 Jahren Frauenmagazine durchzublättern und findet Tipps für Magerkuren bis hin zu Schönheitsoperationen. Was ist das für eine diesseitige Form der Gewalt am und Unterdrückung des Körpers? Der Körper wird in einer bestimmten Weise gesellschaftlich formatiert ...

Was sind deine Erfahrungen mit deinem Selbstversuch »This is not a Burka! Just clothes«?

Ich habe unter dem Titel »This is not a Burka! Just Clothes« drei Monate lang das klassische Modell der hierzulande sogenannten Burka, Khimar und Niqab, in schwarz getragen. Das war eine Reaktion auf die politischen Diskussionen um ein Burkaverbot in Üsterreich, die sich ja an die Diskussionen in Belgien, Frankreich und Deutschland angeschlossen haben. Die Erfahrungen, die ich mit diesem Kleidungsstück gesammelt habe und die vielen Diskussionen, die ich bei unterschiedlichsten Abendveranstaltungen erlebte führten zur Entwicklung von Heroic SOVEREIGN. Die ganz eigene Erfahrung am Körper: dieses Gewand ist eigentlich sehr komfortabel. Ich steige aus meinem Bett raus und ziehe mir dieses Gewand einfach über meinen Schlafanzug über. Ich habe relativ viel Space um mich herum und laufe so durch die Straße und werde nicht von jedem gescannt, bin nicht so leicht ein- und abschätzbar. Auch bei den Gesprächen wurde ich viel weniger über mein Gesicht und meine Kleidung beurteilt, sondern man hörte mir zu. Man kommunizierte über den Blick und eine bestimmte Form von Gestik unter dem Gewand. Aber vor allem das was ich sage und wie ich es sage ist wichtig. Ich habe mir dann an einem Sonntag erlaubt, einen eng anliegenden Minirock zu tragen und mir war plötzlich bewusst, wie unangenehm das ist: Die Hypersensibilität durch die sonstige Verhüllung mit der Burka ließ mich die Blicke der Passanten, die immer auf meine Beine und meinen Ausschnitt, auf meine sexuellen Reize abzielen, verstärkt wahrnehmen. Ich stellte mir die Frage: Wie verarbeite ich das sonst im Alltag, wie selbstverständlich gehe ich damit um? Dann gab es auch das Moment, dass viele Leute verunsichert waren, wie sie dieses Statement des Burka-Tragens begreifen sollen. Es war die Suche nach einem Diskurs ohne Vor- und Aburteilungen, es war nicht von einer feministischen ?berzeugung motiviert, Menschen von etwas zu überzeugen. Ich nehme die Burka erst mal als das, was es ist: ein Kleidungsstück, just clothes - mit einer Form von Praktikabilität und Einflussnahme auf meinen Körper. Wie begreife ich dann eine Burka oder im Gegensatz dazu einen Bikini? Haben wir Frauen jetzt wirklich die Hosen an? Oder die Frage der Rasur: Meine Mutter hat sich noch nicht rasiert, meine Schwester durch die häufige Rasur ein Furunkel wegoperieren lassen müssen. Es wird bei der Fashion-Show einen Bikini geben, der das Achsel- und Schamhaar nicht nur zulässt, sondern dieser Badeanzug vergoldet es sogar noch. Es geht wie gesagt um die Frage der Souveränität am Körper ...

Wie geht's dann im Programm weiter?

Im Anschluss an die Fashion-Show gibt es noch kurze Gelegenheit zu Reflexion und Diskussion, moderiert von Tanja Witzmann, die auch Regie für SV Damenkraft geführt hat. Nach der Pause geht es weiter mit MONSTERFRAU. Bei MONSTERFRAU geht es um Körper und Kapital. Sie ist unglaublich potent, hat Riesenbrüste und einen riesen Schwanz. Sie vereint alle Gegensätze, ist Mann und Frau, laut und leise. Sie besingt den Bezug Körper und Kapital und ruft zum Schluss zur Befreiung aller KapitalistInnen auf, in dem sie rituell »großes« Geld aus ihren Brüsten herausholt. Mit Sascha Neudeck, der die Sounds macht, habe ich diese Performance erarbeitet.

Woher kommt der Begriff MONSTERFRAU?

Da gibt es eine schöne Anekdote. Wir haben mit God's Entertainment in Wilhelmsburg eine »Universität der Nachbarschaften« eröffnet. Wilhelmsburg ist ein multi-ethnischer, sozialer Brennpunkt in Hamburg, dort sollte die kulturelle Szene belebt werden. Nach der gut besuchten Eröffnung wurden wir in den Tagen danach von Kindern und Jugendlichen, die dort leben und nicht wussten, wohin mit ihrer Zeit und Energie, »geflutet«. Sie haben in dem ehemaligen Gesundheitsamt randaliert und dort ihre Bandenkämpfe und Hierarchien ausgelebt. Dort gab es einen Bandenchef, der war vielleicht 13 Jahre alt. Während alle anderen in höchstem Maße agitierten, saß er einfach nur da und schaute, er war der Souverän. Wir haben sie gebeten, den Raum zu verlassen. Die Kids hörten mich und schauten auf ihren Kid-Guru. Der lieferte sich mit mir einen Blick-Fight und nach einem guten Moment schaute er zur Seite. Von da an war ich die Authoritätsperson. In anderer Situation wollte ich ihre übermäßigen Energien zu einer anderen Art der Abreaktion bringen, wollte sie zum Tanzen animieren und habe dabei natürlich selbst getanzt. Das hat mal überhaupt nicht funktioniert, sie standen alle da mit großen Augen und Kinnlade unten und waren schockiert von meinem unmöglichen Tanz, den ich da aufführte. Sie haben mich dann Monsterfrau getauft. Ging ich in Richtung ihrer bevorzugten Räume, rannten sie nach allen Seiten und riefen: »Die Monsterfrau kommt!« Daraus entstand die Idee zur Konzertperformance MONSTERFRAU.

Am Freitag wird MONSTERFRAU eine rituelle Handlung vollziehen. Die größten Heiligkeiten sind ja heutzutage nicht mehr irgendwelche Gottheiten sondern der Mammon, das Geld, dem wir durch sämtliche Aktivitäten, die wir tagtäglich tun, huldigen. Wir denken eigentlich immer an Geld, haben immer Geld dabei und ständig Angst, es zu verlieren. Die MONSTERFRAU leitet an zur Befreiung davon und ruft das Publikum auf, die Scheine aus dem Portemonnaie zu nehmen und in die Menge zu werfen. Bekomme ich dann Angst oder verspüre ich nicht vielmehr Erleichterung?


Text: Michael-Franz Woels | 22.03.2011

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