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An den Rändern der Festung Europa

Text: Roland Schöny | 22.02.2011
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Abseits von Megatourismus, Bauboom und Großplantagen für den Obstexport in die EU ging die wandernde Biennale Manifesta von letzten Oktober bis in den Jänner 2011 in der südspanischen Region Murcia über die Bühne und thematisierte den Dialog mit Nordafrika. Ein Höhepunkt im internationalen Wettstreit der Biennale-Maschinen.



Artist Colonialist: »Is there a dialogue with Northern Africa or is this a construction a diversion?«. Curated by CPS for Manifesta 8.
Foto: © Rian Lozano/Manifasta 8


Als eine der spannendsten Ausstellungen 2010 kündigte sich die diesjährige Manifesta bereits im Vorfeld an. Natürlich auch, weil eine ganze Gelehrtenrepublik aus drei prominenten internationalen KuratorInnen-Teams beteiligt war. Doch Ähnliches gab es schon mal in Südtirol und schon in Ljubljana. Nein, diese Manifesta trat vor allem mit dem Versprechen an, den virulenten Diskurs um Migration, um Staatsbürgerschaft und somit um die sozialen Konsequenzen rigider Grenzziehungen der Europäischen Union zu erweitern und explizit die Nord-Süd Dimension ins Spiel zu bringen. Dieser Fokus war vor allem im Zusammenhang mit den Austragungsorten Murcia und Cartagena in Südspanien, die nahe der Insel Mallorca genau in jener Küstenregion liegen, von Relevanz, da in dieser Region einige der zentralen Migrationsrouten über das Mittelmeer aus den Ländern Nord- und Westafrikas zusammen laufen.

Vorweg sei aber gleich gesagt, dass die Manifesta in ihrer Realisierung deshalb so sympathisch daherkam, weil ihre Positionen sensibel austariert waren und als Ergebnis der Arbeit der KuratorInnen von tranzit.org, des Teams der Chamber of Public Secrets (CPS) und des ägyptischen Alexendria Contemporary Arts Forum (ACAF) keineswegs eine rigide Thesenausstellung entstand. Die Manifesta 8 eröffnete zwar immer wieder politische Leseweisen, doch selbst da, wo die konkrete Auseinandersetzung mit sozialen Aspekten aufgenommen wurde, wirkte sie aufgelockert und ausdifferenziert. Außerdem wurden kaum irgendwo die üblichen Big Names des aktuellen Kunst-Business reingeholt, sondern viel mehr auf Forschungsarbeit, auf Recherche und die Konzeption einiger Projekte direkt vor Ort Wert gelegt.

Als nomadisierende europäische Kunstbiennale, die stets an neuen Orten in jeweils anderen Regionen über die Bühne geht, unternahm die achte Manifesta 2010 den Versuch einer »Auslotung der Ränder Europas« in einem Gebiet, das paradigmatisch für den Festungscharakter des Kontinents steht. Hinzu kommt in Murcia und Cartagena als erschwerender Umstand, dass zeitgenössische Kunst im Gegensatz zu den spanischen Städten weiter im Norden nur fragmentarisch in das kulturelle Leben eingeschrieben ist, selbst wenn Murcia als Universitätsstadt mit etwa doppelt so vielen EinwohnerInnen wie das österreichische Graz zunehmend in Museumsneubauten und Kunsträume investiert. Weiter im Süden in der Partnerstadt Cartagena direkt an der Küste gelegen schließlich manifestieren sich abseits der dominierenden luxuriösen Appartmenthäuser über der Küste die maurischen Einflüsse in den älteren Teilen der ehemaligen Hauptstadt der Karthager, deren repräsentative Bauten später übrigens westgotisch geprägt waren. Merkbar in dieser zentralen spanischen Hafenstadt an der Architektur, in Cafés, Restaurants und allerlei Läden die zahlreichen Inseln arabischer Lebenskultur; also die Anzeichen stetiger Migration und Immigration in das Alltagsleben integriert.

Konflikte unter der idyllischen Oberfläche

Die Vorurteile und Konflikte unter der idyllischen Oberfläche verdeutlichte eine Videoinstallation mit mehreren inszenierten Interviews auf der Straße von Thierry Geoffroy (F/DK). Teils penetrant auftretend mit Tropenhelm und Safari-Uniform ausgerüstet provozierte der »Artist Colonialist« auf der Straße intelligente Small-Talk-Situationen zwischen alteingesessenen Bewohnern und verschiedensten Menschen mit Migrationshintergrund, auf die per Sozialneid nach unten sämtliche aktuellen Probleme projiziert werden. Geoffroy's aktionistisches »work in progress« wurde im stillgelegten und abgewirtschafteten San Anton Prison von Cartagena gezeigt, in dem während der Franco-Diktatur bis zu tausend Menschen eingesperrt waren. Wie sich zeigt - neben dem Gebäude des alten Postamts in Murcia - einer der attraktivsten Ausstellungsorte für das lokale Publikum, weil die Manifesta der lokalen Üffentlichkeit auch Gelegenheit bot, sonst versperrte Gebäude und Räume von innen kennen zu lernen.

Die Zellen und ehemaligen Aufenthalträume des Gefängnisses wurden von den CPS-Kuratoren größtenteils mit dokumentarischen Werken bespielt. Etwa mit einem Video des libanesischen Filmemachers Abed Anouti, das Parallelen zwischen Beirut im Bürgerkrieg und Cartagena vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkriegs zeigt, wobei es auch die vergessene Geschichte des Gefängnisses fokussiert. Selbstverständlich wurden hier Konfliktzonen thematisiert, doch waren die einzelnen Werke in ihrer gesamten Machart und inhaltlichen Ausrichtung unterschiedlich und differenziert, sodass nirgendwo der Eindruck einer monothematischen Zentrierung entstand. Die spanische Filmerin Maria Ruido bearbeitete in einem dicht geschnittenen Video die Geschichte der Arbeitsmigration von Südspanien nach Deutschland in den 1970er Jahren an Hand der Biografie ihrer Eltern. In ihrem Werk mündet der Traum vom neuen Leben letztlich in Fließbandarbeit und Geld nach Hause schicken. Aus mitteleuropäischer Sicht interessant, weil hier der öffentliche Diskurs lediglich nach einem Pawlowschen Reiz-Reaktions-Schema fundamentalistisch auf Feindschaft gegen den Islam fixiert ist. Trotzdem wirkte die Manifesta 8 selbst hier - an diesem dramatischen Schauplatz - nicht zuletzt durch eine großzügig angelegte Medialounge in einer der weiten Durchgangszonen aufgelockert. Dass die Spuren der Geschichte der klaustrophoben Zellen selbst narrative Qualitäten entfalteten, steigerte den Gesamteindruck. Wie auf der gesamten Manifesta vermittelte sich besonders hier in diesen signifikanten Raumsituationen präzise kuratorische Feinarbeit. Durch die Dichte der Ausstellungen an immerhin 14 Orten in beiden Städten verbunden mit den zahlreichen filmischen Produktionen war das Publikum aufgefordert, Zeit zu investieren und auszuharren.

Rückbindungen an den Kontinent Afrika

Den formalen Gegenpol zur Bespielung des historischen San Anton Prison bildete eine raumfüllende Multikanal Videoinstallation mit gleichzeitiger Filmgroßprojektion des in Berlin lebenden Tirolers David Rych in Murcia im Kunstmuseum MUBAM. Rych arbeitete mit einer Gruppe von Jugendlichen aus einem Erziehungsheim im Dialog mit sechs Langzeit-Gefängnisinsassen im Gefängnis Castellón. Während der Hauptfilm, in dem die Gefangenen als Gruppe in Episoden verschiedene Themen, wie etwa ihre Wahrnehmung des Lebens draußen reflektieren, als Großprojektion gezeigt wurde, liefen auf abgeschrägt positionierten Videoschirmen am Boden Einzelninterviews, wobei durch die Anordnung der Monitore noch einmal die Situation der Vereinzelung in der Gruppe aufgenommen wurde. In konzentrierter Nahaufnahme brachte das Filmprojekt basierend auf der Form des Interviews ein Soziogramm des Alltags der Delinquenten, deren Nachdenken über ihre Fehler, Chancen und Perspektiven und deren Aussichten auf ein Leben danach mit zum Teil sechs bis sieben Berufsausbildungen im Gefängnis, die jedoch alles andere als eine Jobgarantie draußen bedeuten. Eines der besten dokumentarischen Projekte der letzten Zeit, weil es unterschiedliche Perspektiven anbietet und dramaturgisch perfekt wirkt.

Wie erwähnt war diese Manifesta aber nicht als Druckkammer des Sozialpolitischen konzipiert, und ist naturgemäß nur anhand einiger Schlaglichter rezensierbar. Ein tendenziell pluralistisches Konzept mit punktuellen Rückbindungen an den afrikanischen Kontinent entwarf das ?tranzit.org? Team, dem unter anderen Dora Hegy, Vit Havranek und Georg Schöllhammer angehören, für die ehemaligen Gebäude der Artillerie in Murcia. Ja, natürlich: auch mit politischen Anspielungen. Allerdings schwangen diese zumeist im Subtext der Werke mit, oder indem etwa an die schwarze Free-Jazz-Formation Art Ensemble of Chicago erinnert wurde. Es schien, als hätte genau dieses Team die Formulierung eindeutiger Statements bewusst umschifft, um einen Diskurs der Vielheiten zu eröffnen. Eine Verschneidung von Black-Culture und so etwas wie Afro-Futurism brachte ein in einem arte povera setting präsentierter Film des in Paris lebenden jungen Künstlers Neil Beloufa. In einem fast geisterhaften, mystisch dunklen Szenario aufgenommen in Mopti in Mali entwickelten die Protagonisten abstrakt formulierte Zukunftsphantasien mit literarisch utopischem Charakter.

Vergleichbar damit war ein Film von Sung Hwam Kim, der aus Seoul stammt und in Amsterdam und New York lebt. In seiner ebenda gedrehten Produktion singen Jugendliche absurde Prophezeiungen, dazwischen spanische Arbeiter mit Plastik vor dem Gesicht wie Sniffer sowie Schnipsel aus der Antrittsrede Barack Obamas. Rückgebunden an die reale Geschichte des Utopischen - im südlichen Afrika - dagegen war das Filmarchiv der portugiesischen Künstlerin Catarina Simao, die in einem umfangreichen Rechercheprojekt Narrative sozialistischer Propagandafilme im postrevolutionären Mozambique der späten 1970er und 1980er Jahre herausgearbeitet hat.

Sensible Werkauswahl anstelle der Thesenausstellung

Die Qualität der teils mit großräumigen Installationen aufgelockerten Ausstellungen hier oder im ehemaligen Postamt von Murcia lag vor allem im Rhythmus aus schnell erfassbaren Erlebnisräumen und intimen Zonen der Verlangsamung mit den filmischen Projekten. Selbst wo sich dem Publikum keine unmittelbar erfassbare durchgängige Narration erschloß, ergaben sich allmählich assoziative Zusammenhänge, wobei vermieden wurde, die einzelnen Werke unter ein übergeordnetes System zu subsumieren. Damit nahm die Manifesta Abstand von der Behauptung einer in Wahrheit kaum formulierbaren durchgängigen These, womit den einzelnen Werken wiederum mehr Respekt in ihrer Individualität entgegengebracht wird.

Noch gelöster und offener bearbeitete das Team des Alexendria Contemporary Arts Forum um Bassam el Baroni das Thema des kulturellen Transfers zwischen den Staaten Nordafrikas im ehemaligen Zentralpostamt von Murcia, wo beispielsweise der in London lebende Argentinier Pablo Bronstein Architekturzeichnungen ausstellte, in denen ironisierend der Imagetransfer zwischen islamischer und südspanischer Alltagskultur herausgearbeitet wurde. Als Wahrzeichen Spaniens küsste beispielsweise ein Kamel einen Stier.

Als Großunternehmen der Gegenwartskunst an vierzehn Ausstellungsorten mit über hundert Künstlern unter der Leitung von insgesamt neun KuratorInnen in drei Kollektiven lässt sich nun auch diese Manifesta im Rückblick ex equo neben der ganz anders konzipierten Istanbul Biennale im Spitzenfeld der europäischen Biennalen verorten. Die Erwartungen an den hohen Anspruch an einer politisch bedeutenden Schnittstelle Europas zum afrikanischen Kontinent die lokale Problematik der Immigration zu fokussieren erfüllte sich nur teilweise oder auf andere Weise als gedacht; nämlich in Form einer subtilen Gesamtausstellung an deren Tangente das zentrale Motiv immer wieder evident wurde, während der gesamte Fokus weit ausgedehnt wurde in Richtung einer dialogischen Situation mit dem afrikanischen Kontinent. Genau darin manifestierte sich die Qualität der kuratorischen Arbeit. Die Ausstellungen an den einzelnen Venues funktionierten für sich sehr konzentriert, wobei selbstverständlich nur punktuell spezifische regionale Situationen afrikanischer Staaten angesprochen werden. Einer der Ausstellungsteile konnte sogar als Hinweis gelesen werden, dass die Auseinandersetzung ohnehin auf globale Ebene ausgedehnt werden muss. Das Alexandria Contemporary Art Forum lud gemeinsam mit der spanischen Kuratorin Yolanda Riquelme KünstlerInnen in den Kunstraum Espacio AV im Stadtraum von Murcia KünstlerInnen dazu ein, Bezüge zu dem in den 1980er Jahren kurz in New York bestehenden Museum of Contemporary Hispanic Art (MoCHA) herzustellen. Eine logische Erweiterung des Diskurses ebenso wie ein Symposium zur Initiierung einer panafrikanischen Biennale. Ein utopisches Projekt noch ohne Ort. Die Debatte verdeutlichte aber auch, wie sehr sich das Engagement der Manifesta von Mal zu Mal steigert.

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Catarina Simao. »Off screen- on Mozambique film archive«. 2010. Installation. Curated by tranzit.org. Commissioned and produced by Manifesta 8.


Text: Roland Schöny | 22.02.2011

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