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Im Schatten des Frosches

Text: Roland Schöny | 16.10.2008
Erst eine skurrile Entscheidung. Letztlich war es aber doch nicht so falsch, dass die Manifesta als nomadisierende EU-Biennale in den italienischen Provinzen Südtirol und Trentino Station macht. Nach dem kulturpolitisch kläglichen Scheitern der letzten Manifesta in der geteilten Stadt Nikosia bewahrheitet sich, dass auch im Land Berlusconis und der Lega Nord kultureller Nachholbedarf besteht.

Froschzeit ist diesen Sommer. Die Schenkel werden nicht gegrillt und verspeist, sondern bloß aufgehängt. Nein, ausgehängt im Museum. Im neu errichteten Museion von Bozen. So leicht war es, das Pawlow'sche Reiz-Reaktionsschema der Main-Stream-Presse in Gang zu setzen. Topografisch ziemlich unpassend über Kassa und Katalog-Shop hängte man im Museion im letzten Frühsommer Martin Kippenbergers gekreuzigten Frosch auf. Da mokierten sich die Alpenländler in ihren überhitzten Schluchten am Nordzipfel von Berlusconi-Land. Sogar der Herr Papst aus Deutschland meldete sich zu Wort. Und natürlich Italiens Kulturminister Sandro Bond. Ist ja alles wichtig. Mussolini den Boden bereiten, Berlusconi wählen oder einen Kunst-Frosch skandalisieren. Hauptsache Emotionen. Froschzeit hieß nämlich Vorwahlzeit. Die Reaktionäre, die auf den Frosch lospfefferten, wollten in Wahrheit die Südtiroler Kulturverantwortliche abschießen. Oder erreichen, dass die Direktion des Museions ausgewechselt wird.
In diesem kulturpolitisch schwierigen Terrain, wo der 18-Stunden-Tag auf den Apfelplantagen mehr zählt als kritische Praxis, landete die siebente Manifesta. Erstmals wurden Ausstellungen und Interventionen für eine gesamte Region auf einer Streckenlänge von 150 Kilometern in Rovereto, Trento, Bozen und dem Bollwerk Franzensfeste konzipiert.

Zaghafter politischer Diskurs

Angesichts der rund 180 Positionen lässt sich der Kraftakt erahnen, der zur Bespielung brachliegender Industriegebäude, eines Postamtes und anderer Stützpunkte unter jeweils unterschiedlichen lokalen Verwaltungen notwendig war. Das breite KuratorInnenteam, bestehend aus Adam Budak, Anselm Franke, Hilda Peleg sowie Monica Narula, Jeebesh Bagchi und Shuddhabrata Sengupta vom Raus Media Collective und noch weiteren konzipierte ein Netzwerk in sich durchaus schlüssiger, spannender und an Bezügen reichen Ausstellungssituationen mit mehreren thematischen Schwerpunkten. In einer Region jedoch, die sich als pittoreske Landschaft mit Obst- und Weinanbau präsentiert, als Industriegegend aber eines der europäischen Zentren der Arbeitsmigration war, das zudem noch durch die Bauten und Monumente des Mussolini Faschismus charakterisiert ist, wurde die Möglichkeit an lokale soziale oder historische Bezugspunkte anzudocken erstaunlich sparsam bis gar nicht genützt. In einem Staat mit Rechtsregierung, wo eine Debatte um die rassistischen Konnotationen der Registrierung der Fingerabdrücke von Roma-Kindern läuft, muss dies unbedingt konstatiert werden.

Ausnahme ist die Annäherung an die Geschichte der im 19. Jahrhundert erbauten Festung Franzensfeste. Zehn AutorInnen verfassten Texte über das zur Verteidigung gegen die napoleonischen Truppen errichtete Bollwerk. Hörstationen in dem nie für seine ursprünglichen Zwecke genutzten und nun als kultureller Bedeutungsträger freigegebenen Bauwerk bringen Texte von Mladen Dolar, Thomas Meinecke, Saskia Sassen, Reneé Green oder Margareth Obexer.

Translokale Spurensuche in Rovereto

In Rovereto waren - wie Kurator Adam Budak berichtet - enorme Bemühungen zur Adaption der ehemaligen Industriegebäude auf dem Gelände der Manifattura Tabacci in Rovereto notwendig. Die Realitäten hatten die Umsetzung des Generalthemas »Principle Hope« ziemlich gebremst. Für die Auswahl der rund 70 Projekte avisierte Budak Leitgedanken von Ernst Blochs »Prinzip Hoffnung« sowie den Begriff des Kritischen Regionalismus des Architekturhistorikers Kenneth Frampton. Die Fragen richten sich auf die Erschließung von Raumpotenzialen und die Erzeugung von Öffentlichkeiten. Die Kunstprojekte lassen sich entlang der begrifflichen Tangente von Architektur, Topographie und Raumökologie sowie der Grammatik urbaner Makrostrukturen lesen.

Paradigmatisch dafür: ein Film von Miklós Erhardt und Little Warsaw, der sich auf die Besetzung der ehemaligen Kakaofabrik Roveretos, Petterlini, durch eine Gruppe Anarchisten im Jahr 2002 bezieht. In der zentralen Austellung in der Manifattura Tabacci untersucht das Recherche-Projekt der Gruppe Alterazioni Video ökonomische und ästhetische Konsequenzen unvollendeter Architekturprojekte mit Schwerpunkt Sizilien, während es gleich daneben bei Ricardo Jacinto um Dispositive der Soundwahrnehmung geht und ein Stockwerk darunter Florian Hecker eine wirklich als räumliches Erlebnis funktionierende Soundinstallation betreibt. Eine Intensivierung des lokalen Bezugsrahmens allerdings hätte die Rückbindung zu den ins Zentrum gesetzten theoretischen Parametern Kenneth Frampton gestärkt.

Im Labyrinth des Seelischen

In Trento führt die von Anselm Franke und Hila Peleg konzipierte Ausstellung in ein Labyrinth von Bedeutungen. In den verwinkelten Räumen des alten Postgebäudes stellt sich die Frage, ob dies nicht in einen Irrgarten von Signifikanten führt. Das holprige Motto »Die Seele - oder: viel Ärger beim Transport von Seelen« bezieht sich auf eine Zeichnung Sergej Eisensteins. Der historische Längsschnitt des Kuratorenteams geht noch weiter zurück; bis zum folgenschweren Konzil von Trient im 16. Jahrhundert, das die Handhabung der Sakramente in der katholischen Welt gefestigt hat. Es wurde die Beichte auf die Welt der Vorstellungen und Gedanken ausgeweitet. Der Imperativ zur Offenlegung latenter Taten und Gefühle setzte einen Meilenstein in der Verinnerlichung von Macht, was wiederum zu den Analysen der Genese subjektiver Normen im Rahmen des Politischen Michel Foucaults führt. In der Ausstellung ergibt sich daraus eine Leserichtung entlang der Begriffe, Seele, Mentalität, Erziehung, Entfremdung und Disziplinierung in der Ausstellung.

Beispielsweise führen Marie Theresa Alvez, Jimi Durham und Michael Taussig eine Auseinandersetzung mit Identitätszuschreibungen gegenüber MigrantInnen im etwas oberflächlich durchgearbeiteten quasi-dokumentarischen »Museum der europäischen Normalität«. Der Berliner Künstler Klaus Weber kehrt die Richtung der Evolution symbolisch um. In einem fingierten Museumsraum betrachtet ein sitzender Affe den Schädel eines Menschen, womit ein beliebtes Motiv des 19. Jahrhunderts aufgegriffen wird.

Fragmente der italienischen Moderne

In Bozen erhebt sich der erhaltene Eingangsbereich des Alumix-Gebäudes als Ikone der italienischen Moderne über die hingewürfelten Lager- und Produktionshallen an der Peripherie. In den 1940er Jahren wurde hier ein Drittel des italienischen Aluminiums hergestellt. Der von Filippo Tomaso Marinetti gefeierte Grundstoff des Aufbruchs war Material für Flugzeuge, Bomben und Espressomaschinen.

Hier fokussiert die vom indischen Raqs Media Collective kuratierte Ausstellung unter dem Motto »The Rest of Now« zumindest in Teilaspekten Überreste des 20. Jahrhunderts als Zeitalter des Zivilisationsbruchs und der Technisierung. Die Parameter Ort und Zeit sowie das omnipräsente Thema der Kommunikation greifen die KünstlerInnen Graham Harwood, Richard Wright und Matsuko Yokoko in einer archaisch wirkenden Sound-Arbeit auf der Basis elektromechanischer Telefon-Schaltelemente auf. Die enormen Dimensionen der Alumix-Halle umschreibt Jorge Otero-Pailos, der mit einem Architektenteam Staubrückstände aus der Halle in gegossenen Latexfolien konservierte, welche er emblematisch auf ein meterhohes Gerüst montierte. Parallel dazu: Intime Schausituationen auf der Basis vollkommen unterschiedlicher Visualisierungsformen. Ein ausufernd barock anmutender Animationsfilm von Emre Hüner greift in unterschiedlichen Schichten die Technifizierung der menschlichen Existenz auf. So ergibt sich ein Panoptikum gesellschaftlicher Realitäten, das schließlich da beklemmend wird, wo die mexikanische Künstlerin und Gerichtsmedizinerin Teresa Margolles Wasser aus einer Autopsiestation zur permanenten Befeuchtung eines Gebäudetrakts einsetzt.

Zwar münden Aspekte von Globalisierung und die Durchsetzung neoliberaler Strukturen im gegenwärtigen Italien im Gesamtkonzept dieser Manifesta lediglich in Andeutungen, was unter dem Strich als deutliches Manko zurückbleibt. Zugleich führen die Ausstellungen in eine weitverzweigte Spiegelung teils politisch aufgeladener Identitätsfragen. Es wurde somit ein Rahmen aufgespannt, aus dem heraus in Zukunft hoffentlich sich weitere - ähnlich relevante - Projekte entwickeln. Um die Politik der Frösche endlich zurückzulassen.

Die Ausstellungen sind von Montag bis Sonntag zwischen 10 und 19 Uhr sowie am Freitag von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Bis 2. November 2008.

>> www.manifesta7.it


Text: Roland Schöny | 16.10.2008

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