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Moskau zwischen Abstraktion und Zensur

Text: Roland Schöny | 16.12.2004
Als Schauplatz einer Abfolge von Terroranschlägen mit dem jüngsten Geiseldrama in der kaukasischen Stadt Beslan hinterlässt der Krieg Russlands in Tschetschenien zunehmend seine Spuren im Landesinneren. Im Schatten dieser Ereignisse des Terrors, wird die alte Achse zwischen Kirche und Staat reinstitutionalisiert  während andererseits die Vorbereitungsarbeiten zur ersten Kunstbiennale Moskaus unter dem Motto »Dialektik der Hoffnung« angelaufen sind. 

Wer nach Moskau reist um sich an die Netzwerke und Plattformen im Feld der aktuellen Kunst heranzutasten, begegnet auch da im Zentrum des Landes, den Anzeichen für die seit Jahren andauernden Kriegsereignisse. Die beiden Tschetschenienkriege, deren politische Ursachen auf die Ausrufung der Unabhängigkeit der Kaukasusrepublik durch den nachfolgenden Einmarsch der russischen Truppen im Jahr 1994, zurückgehen, gelten als die in Europa am längsten andauernde Krieghandlungen seit dem Zweiten Weltkrieg und haben bisher mehr als 100 000 Opfer gefordert.  Dass sich der Rhythmus extremer Gewalt in Russland zu überschlagen begonnen hat, hinterlässt längst seine Spuren im Alltagsleben Moskaus. Schon seit vielen Monaten etwa müssen die BesucherInnen des 24 Stunden geöffneten Clubs B-2 in der zentral gelegenen Ulitsa Bolshaya Sadovaya, wo neben diversen gesellschaftlichen Events auch Konzerte von  Rechenzentrum oder To Rococo Rot über die Bühne gehen, im Eingangsbereich Metalldetektoren passieren, die mit den Sicherheitsanlagen in Flughäfen vergleichbar sind.
Ausgesprochen werden muss aber auch, dass der Terrorangriff auf hunderte Kinder in Nordossetien im September des Jahres 2004, den tschetschenischen Widerstand nachhaltig diskreditiert hat. Damit ist die Möglichkeit, dass der Hass der russischen Mehrheitsgesellschaft auf die »dunkle« Bevölkerung des Kaukasus weiter anschwillt - und - vice versa - das Potential für weiteren Terror angestiegen.   
Nur sehr schwer scheint es möglich durch diesen Filter einer Dynamik extremer Gewalt zurückzublicken auf einige Schlüsselereignisse in der Kunstszene Moskaus. Doch auch sie lassen sich nicht ganz entkoppelt von gesellschaftspolitischen Trends wahrnehmen. Immer noch sehen sich kritische Positionen in der Kunst mit politischer Kontrolle konfrontiert. Zugleich dürfte in der russischen Metropole die Konjunktur neuer Umschlagplätze für zeitgenössische Kunst fernab von den Grenzzonen ideologisch geprägten Europadenkens nicht abreißen. Die neureiche Oligarchie hat den Markt derart aufgeheizt, dass eine kommerzielle Routineveranstaltung wie die Kunstmesse Art Moskwa eine sukzessive Ausweitung erfahren konnte und zum Transmissionsriemen für kreuz und quer verlaufende inhaltliche Kontroversen und Koalitionsbildungen avancierte. Temporär liegt hier eines jener Schnittfelder, wo sich indirekt gesellschaftspolitische Polarisierungen abbilden. Während KünstlerInnen und KuratorInnen draußen nach wie vor die Standards kultureller Ausdrucksfreiheit verteidigen müssen und Perestroijka mittlerweile wie ein vergessenes Schlagwort aus der liberalen Gorbatschow-Ära klingt, konnte im vergangenen Mai innerhalb der Hallen des Messegebäudes zumindest zufrieden bilanziert werden.
Dass auf der Art Moskwa Werke im Wert von mindestens 1,7 Mio. Dollar ihre Besitzer wechselten und weitere Reservierungen im Wert von angeblich 840 000 Dollar vorlagen, hatte sogar die Erwartungen von Wassili Bytschkow, dem Direktor des Messebetreibers Ekspo-Park, weitaus übertroffen. Bei der Eröffnungspressekonferenz war noch von einem erhofften Umsatz von 800 000 Dollar die Rede gewesen, nachdem 2003 überhaupt nur 533 000 Dollar eingefahren wurden. Angeblich hatten hauptsächlich drei verkaufte Arbeiten Ilja Kabakows die Bilanz dermaßen aufgefettet. In der Liga weiter hinten gelten derzeit übrigens esoterisch wirkende Fotoarbeiten mit »Mann und Kind unter Wasser - Motiven« des ehemals radikalen Aktionisten Oleg Kulig als ziemlich gefragt. Richtigen Kunstaktiencharakter haben derzeit die clean aufgebauten Fotografien mit fashionablen Jugendlichen aus der Produktion der AES Group. Und wer ein paar Scheine für den unvermeidlichen Bolshevik-Chic locker machen wollte, konnte sich an den Stand der mächtigen und von Tovaritsch Wodka gesponserten Yakut-Gallerie wenden, wo mythisch groß dimensionierter rote Sterne des Malers Alexey Beliayev-Gintovt strahlten. Dieses Szenario war ganz brauchbar als Kulisse für alle möglichen Fernsehinterviews mit Lokalkolorit.
Naturgemäß deutet solcher Glamour nur eines an: Der Aufschwung geht weiter, und damit steigt das Interesse an Bildender Kunst, was wiederum deren Möglichkeiten erweitert. Doch gerade in der Boom-Town Moskau, deren Gesellschaft derzeit ökonomische Gegensätze reproduziert, als wäre die Dekadenz des 18. u. 19. Jahrhunderts nie beendet worden, laufen die Entwicklungen etwas widersprüchlicher. All zu oft ist das Hochschnellen von Kontobuchungen in Millionen Rubel Höhe keineswegs nur Ergebnis von extremem wirtschaftlichen Liberalismus, sondern vielmehr von politischen Verstrickungen.
Am anderen Ende der Parabel formiert der Staat eine deutliche Demarkationslinie und schränkt den Spielraum für kritisch angelegte Kunstprojekte offensiv ein. Eine Dynamik politischer Restauration und allumfassenden Machterhalts lässt wieder einer Form von Zensur aufleben, die auch vor der Ausübung von Gewalttaten nicht zurückschreckt. Bloß wirken ihre Methoden verschlüsselt, wenn etwa der Kampf gegen die Kunst im Namen der orthodoxen Kirche geführt wird.
Das prominenteste Beispiel für diese Art der Repression, die keineswegs episodenartigen Charakter sondern System hat, ist der Kampf gegen das Ausstellungsprojekt »Caution Religion« im Jänner 2003 im Sacharov Museum mit mehr als 40 Positionen zum Thema Religion und Gesellschaft aus Armenien, Georgien, USA, Japan oder Kuba. Gezeigt wurden größtenteils collage- oder montageartige Werke mit teils ironischem, teils in Absurde gehenden Bearbeitungen religiöser Symbole. Nach nur fünf Tagen musste die Schau - oder besser deren Überreste - beendet werden. Orthodoxe religiöse Fanatiker hatten Werke zerstört, während andere Arbeiten gerichtlich konfisziert wurden. Doch nicht die Täter,  sondern die Veranstalter - der Direktor des Andrei Sakharov Museums Yuri Samodurov sowie die Kuratorinnen Ludmila Vasilovskaya und Anna Mihalchuk - wurden im heurigen Juni schließlich vor Gericht gebracht. Mit einem Mal war so der Verlauf eines Falls komplett verdreht. Nicht die gewalttätigen Zerstörer sondern die Kuratorinnen selbst saßen auf der Anklagebank. Hier in Mitteleuropa führt das möglicherweise zu einem kurzschlussartigen Vergleich mit den ständigen Angriffen gegen Hermann Nitsch wegen angeblicher Blasphemie. Die Motive der Moskauer Behörden dagegen, scheinen von einer neuen Koalition zwischen Präsident Putin und den russischen Patriarchen geleitet zu sein. Wie nämlich Alexandr Soldatov in der Zeitschrift Lettre (Nr. 64, Frühjahr 2004, S. 78 u. 79) argumentiert, ist spätestens mit Ende 2002 die Trennung zwischen Staat und Kirche tendenziell wieder aufgehoben. Der Chefideologe der russisch orthodoxen Kirche Kyrill, Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, verkündete eine neue kirchliche Interpretation von nationaler Idee. Sie besagt, dass die Einwohner des Landes »orthodox durch Geburt« seien; also nicht erst durch aktive Ausübung der Religion. Erst durch diese Argumentationsgrundlage könnte es strafbar werden, kirchliche Symbole künstlerisch zu interpretieren, da es schlicht und einfach keinen säkularisierten Raum mehr gibt. Weder wäre der Ausstellungsraum dieser kruden Anschauung zu Folge religionsfrei, noch wäre es möglich ein religiös kodiertes Sujet - wie das Kreuz oder den architektonischen Grundriss einer orthodoxen Kirche - aufzugreifen und zu bearbeiten, weil diese Symbole auch außerhalb des sakralen Raums, den kirchlichen Bestimmungen unterliegen sollen. Diese Festigung der kirchlichen Monopolstellung kommt der Moskauer Duma und selbstverständlich auch Präsident Putin ziemlich gelegen. Indem der russische Staat den Intentionen der Kirche entgegen kommt, setzt er leicht kommunizierbare Zeichen in die Richtung der fundamentalistischen religiösen Kräfte im Land. Für Künstler und Intellektuelle dagegen bedeutet das ganz nach altem Muster die Androhung mehrjähriger Gefängnisstrafen.
In Zuge der Angriffe gegen des Sacharov Museum und dessen Direktor lassen sich noch weitere handfeste politische Motive ausmachen, da sich das Museum auch aktiv gegen den Tschetschenien-Krieg engagiert, was ebenfalls als Nähe zu asozialem Verhalten ausgelegt wird.  
Unterdessen arbeitet die Szene fieberhaft an der Erweiterung des diskursiven Aktionsradius für Gegenwartskunst. Bemerkenswert daran ist, dass punktuell immer noch Versuche eines radikalen sich Absetzens von den belehrenden figurativen Darstellungen des Sozialistischen Realismus unternommen werden. Das zeigte jüngst eine Ausstellung mit geometrischen und minimalistischen Positionen im gerade in Umbau befindlichen Architekturmuseum Moskaus. Sie war inszeniert wie ein Wiederaufflackern der moralischen Parameter des amerikanischen Minimalismus im Postsozialismus. Dementsprechend ironisch ging der Kurator der Sonderschau Georgiens Wato Tseriteli mit dem Thema im Rahmen der Art Moskau um, in dem er die Überblicksschau junger Kunst irreführend mit Neo Geo übertitelte. Ein Statement ideologischer Befreiung. Gewissermaßen der nun mit enormem Druck angestrebte Dritte Weg in Richtung Ankopplung an die aktuellen Debatten.
Dazu stehen demnächst zwei Großveranstaltungen ins Haus, die auf je eigene Weise als Aufputschmittel im zähen und von den Fronten zwischen neoliberalem Markt und rigiden staatlichen Beschränkungen geprägten Betrieb über die Bühne gehen sollen. Zum Dritten Mal bereits möchte das Kunstfestival Art Kliasma unter Leitung der Kuratoren Vladmir Dubossarsky und Alexander Vinogradov das gärende Szenefeld unter Einbindung nichtrussischer KünstlerInnen glaubwürdig aufbereiten.
Diese Veranstaltung dürfte Kurator Josip Backstein gehörig unter Druck setzen. Er wurde vom russischen Kultur- und Presseministerium beauftragt gemeinsam mit einer Truppe von sieben internationalen Kuratoren, darunter der alt bekannte Dauer-Reisende Hans Ulrich Obrist, die erste Moskau Biennale in Szene zu setzen. 10 Millionen US-Dollar an öffentlichen Mitteln stehen für dieses Großprojekt in der Neuen Tretjakov Galerie, dem Puschkin Museum oder dem Architekturmuseum zur Verfügung. Zwei zentrale Veranstaltungen wollen somit multilaterale Anbindungen schaffen und neue Plattformen aufbauen. Wie sie die verhärteten ideologischen Fronten im Inneren Russlands aufzuweichen vermögen, wird eine der spannendsten Fragen bleiben.   

Text: Roland Schöny | 16.12.2004

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