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Moszkva tér - Arbeit plus Geld

Text: Rosemarie Burgstaller | 02.05.2003
An mehreren Tagen im Mai und im Juni dieses Jahres haben am Moszkva tér in Budapest professionelle Bettler Geld an Passanten verteilt. Ein junger Mann schlief eingewickelt in Decken genäht aus 200 Forint-Bankknoten. In einem Wohnmobil-Büro konnte man für zehn Minuten ununterbrochenen Erzählens 4.000 Forint verdienen. Drei Interventionen von Balázs Beöthy, Stefan Keller und János Sugár im Rahmen eines im Frühsommer am Moszkva tér realisierten Projekts des Ludwig Museum Budapest präsentieren ihre Rechnung auf dem Weg in die Europäische Union.

Eingezogen zwischen Rosenhügel und Burgberg im Stadtteil Buda hat sich der hoch frequentierte Verkehrsverbindungspunkt Moskzva tér seit der Wende 1989 fernab touristischer Attraktivität als Brennpunkt sozialer Extreme bekannt gemacht. An einer Seite des Platzes liegen Wohnviertel der mit dem Kapitalismus eingezogenen »Neuen Reichen«, für welche hier eine riesige Shopping Mall aus dem Boden gestampft wurde. Den Platz selbst haben sich zwischen allen jenen, die zur Metro oder Straßenbahn hasten, Schwarzmarkthändler erobert. Wer obdachlos ist kommt meist hierher und der, der unbürokratisch eine billige Arbeitskraft sucht, kann beim Metrogebäude mit dem gewaltigen Fächerdach fündig werden. Die Uhr am Platz haben anonym gebliebene Künstler im Mai auf Moskauer Zeit umgestellt. Den Moskau-Platz dominiert die grobschlächtige Architektur aus kommunistischer Zeit, als einer der letzten Plätze in Budapest wurde er bisher weder neu gestaltet noch umbenannt. Hier kollidieren nicht nur Klassenunterschiede des kapitalistischen Systems, sondern kaum brutaler konnten sich westliche Lebens- und Überlebensstrategien mit kommunistischer Utopie verkeilen.

Bik van der Pol setzte als Beitrag zum Projekt eine Truhe an den Rand einer kleinen Ruhefläche des Moszkva tér. Der bronzene Abguss einer Holzkiste bezieht sich geschichtlich auf das Revolutionsjahr 1956, in dem Ungarn aus dem Warschauer Pakt austrat. Der Aufstand wurde von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen. Miklós Erdély reagierte, indem er an belebten Punkten der Stadt Sammelboxen für die Familien der Opfer aufstellte und erzeugte mit dieser Aktion eine »radikale Gegenüberstellung von Geld und Wert« (M. Peternák): Obwohl die Boxen unbewacht bleiben, sammeln sich die Spenden für die Ermordeten. Miklós Erdély (1928-1986), einer der bedeutendsten avantgardistischen Künstler Ungarns, arbeitete während des Sozialismus abseits der »offiziellen« Kunst, welche die große Öffentlichkeit für sich einnahm. Ab 1989 boten sich für die zeitgenössische Kunst neue politische und gesellschaftliche Parameter. Ihre »reservatartige Geschlossenheit« (J. Szoboszlai) konnte sie bis heute aber nur partiell aufbrechen. Gerade an der engsten Reibefläche mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten, im politisch codierten Stadtraum, scheint bisher kaum vorangetrieben worden zu sein.

Mit der Idee zum Moszkva tér-Projekt setzte Róza El-Hassan einen Prozess in Gang, der zeitgenössische, kritische Kunst in den öffentlichen Raum von Budapest beförderte, um Tuchfühlungen zwischen Kunst und Bevölkerung zu initiieren. Für das Projekt hat die Künstlerin eine Skulptur der Werkgruppe »R. dreaming about overpopulation« vor die Metrostation gestellt. An »R. thinking/dreaming about overpopulation« arbeitet El-Hassan seit mehreren Jahren mit Performance, Aktion und Skulptur. 2001 nahm Róza El-Hassan das Bild des für die Terroropfer in New York Blut spendenden PLO-Chefs Arafat in ihre Arbeit auf und führte selbst Blutspendeaktionen durch. Die Wahl unterschiedlicher Orte bedingt eine sich verändernde gesellschaftliche Wahrnehmung und Kontextualisierung ihrer gesetzten Zeichen. Die Aktion in Belgrad fand im Museum für Zeitgenössische Kunst statt und in Zürich wurden Betten an der Universität Zürich Irchel aufgestellt. Untersuchungen autonomer Räume sind zu einem zentralen Projekt geworden. »Das Rote Kreuz ist politisch und ästhetisch eine Tabuzone, das heißt das Rote Kreuz ist ein autonomer Raum in der Gesellschaft. Die Aktion ist also ein autonomer Raum in einem autonomen Raum« sagt El-Hassan anlässlich ihrer Aktion in Zürich. Im Budapester Projekt hat Róza El-Hassan den »Schutzraum« (El-Hassan) eines White Cube von ihrer Arbeit abgezogen und die Skulptur »Mensch« auf den Moszkva tér gesetzt. Als Objekt von Aggressionen wurde die Arbeit auch zum Objekt der Zuneigung, geschmückt und oft von Obdachlosen, die sich neben sie setzten, wie Erdélys Geldkisten bewacht. Kurz vor Ende des Projekts wurde die Figur jedoch gestohlen, jemand hat sie noch auf der Ladefläche eines Kleinbusses sitzen gesehen. Die Skulptur ist bisher nicht wieder aufgetaucht, der Finderlohn beträgt 120.000 Forint.

»Moszkva tér«-Projekt: 16. Mai - 29. Juni 2003
Kuratorin: Dóra Hegyi, Ludwig Museum Budapest
KünstlerInnen u.a. Róza El-Hassan, János Sugár, Stefan Keller, Balázs Beöthy, Bik van der Pol, Péter Szabó, bp, Ilona Németh, Ágnes Eperjesi, Andreja Kuluncic.

Ein Projekt im Rahmen von »Gravity - Art. Religion. Science«. Internationales Forschungsprojekt zu Schwerkraft und Kunst (Culture 2000). Info: www.gravitation.at

Buchtipp: Hans Knoll (Hrg.), »Die zweite Öffentlichkeit. Kunst in Ungarn im 20. Jahrhundert«, Wien 1999

Text: Rosemarie Burgstaller | 02.05.2003

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