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Musikalische Netze des Nachmittags: Mira Calix

Text: Heinrich Deisl | 16.08.2004
Als einziger weiblicher Warp-Act entzieht sich Mira Calix mit ihrer aktuellen Scheibe »Skimskitta« den von ihren männlichen Kollegen so gern produzierten Abstraktions-klängen und setzt stattdessen auf emotional-komplexe Sound- und Trackfragmente, zu denen sich immer wieder ihre Stimme hinzugesellt. Musik für die Seele(n).

Man vergegenwärtige sich den Film »Meshes in the Afternoon« der US-Avantgardistin Maya Deren von 1943: In traumwandlerischen Bildern schwebt die Protagonistin durch psychische Labyrinthe, die ausgebleichten Farben des Schwarz und Weiß zeichnen ein Setting, das voll ist mit mehrfach gebrochenen Spiegelungen der Seele(n), des/der Ichs. Maya Deren verbannte hier strikt jede Möglichkeit der akustischen Orientierung aus dem Film, um zum Kern des visuellen Empfindens zu gelangen. »Vergangenheit und Gegenwart, Zeit und Raum, Wirklichkeit und Einbildung [sind] verzerrt, bis sie wie ein mögliches oder wirkliches Kontinuum aussehen«, schrieb Amos Vogel in seinem Buch »Film als subversive Kunst« über diesen stilprägenden Film.
»Skimskitta« von Mira Calix ist wohl einer der derzeit schlüssigsten »Soundtracks« als akustisches Äquivalent zu »Meshes in the Afternoon«. Nach ihrer letzten Fulltime-Veröffentlichung »One On One« (2000) waren einige Zeit diverse Remix-Aufträge und kleinere Produktionen an der Reihe gewesen. Calix ist mit ihren Releases seit ihrem Debüt 1996 »Ilanga« (12") ein wenig geizig: Wenn, dann sind ihre Scheiben kleine, fragile Kunstwerke, voll aufgeladen mit witziger, verspielter und oftmals hintergründig-zynischer Energie. Ihre andere, nur direkt über Warp beziehbare Neuerscheinung »Nunu« ist eine Studie aus in etwa 150 Insektensounds. In dieser »Music for Insects« verlegt sich Calix ganz auf den Ambient-Charakter, um in 20 Minuten eine Sonate zu bauen, die an Kammermusik gemahnt. Aber diese Kammer ist wie so vieles bei ihr in der unberührten Ferne.
In Südafrika geboren und aufgewachsen, kam Chantal Passamonte 1991 auf die englische Regeninsel, arbeitete als PR-Frau für Warp, war für das Veranstalter-Kollektiv Telepathic Fish tätig und gab als DJ ungefähr so viel Geld für Platten aus, wie sie verdiente. »Mein Musikgeschmack ist ziemlich breit«, sagt sie. »In Südafrika gab es nur sehr limitiert Zugang zu Musik, die nicht Pop war. Aber dann war es die wohl klassische Entwicklung von Prince und Grace Jones zu My Bloody Valentine, um bei UR und Drexciya zu landen. Ich arbeite langsam, dafür sehr konzentriert. Mir gefällt das Reisen nicht wirklich, ich mag mehr die Isolation und die Ruhe, die ich in meinem Studio habe. Aber das war in den letzten Jahren durch all die Live-Konzerte und das DJing nur schwer möglich. Ich habe sehr unter-schiedliche, individuelle Ansprüche an die Tracks. Es war nicht so, dass ich von Anfang an eine Idee gehabt hätte, sondern die Tracks sind so eine Art Zustandsbeschreibung des Tages, an dem ich sie aufnahm.« Wie Bewusstseins-Polaroids, die jene Momente der Selbsterforschung zutage fördern, die man sonst eher weit unten versteckt. Als wenn sie sich telepathisch über den Großen Teich unterhalten hätten, sind »Skimskitta« und das unlängst veröffentlichte »So Hard. Easy to Practice« (disko b) von Susanne Brokesch sozusagen seelenverwandte Platten.

Die Transparenz des Spiegels

Brüche jeglicher Art kennzeichnen ihr Sounduniversum. Der Bruch entlang der weißen und schwarzen Kulturen wird etwa in dem Stück »Afrique du Mal« deutlich. Und die Nummer »Too Slim For Suicide« auf der genialen Women-only Noise-Compilation »Music From Women« (Susan Lawly; 2001) ist sowieso der programmatische Track schlechthin als Statement gegen das von der Werbung zugeschanzte Frauenbild. Fragilität ist nicht eine zu schützende Größe, sondern sie wird bewusst mit speziell für den weiblichen Diskurs virulenten Stigmatas aufgeladen. »Pin Skeeling« ist noch deutlicher: Daraus wird der Freud'sche Versprecher »Skin Peeling«.
Diese vermeintlichen Diskrepanzen fallen auch in der grafischen Gestaltung auf. Calix verwendet fast naiv anmutende Zeichnungen für die Covergestaltung, ihre Homepage könnte ein Abbild afrikanischer Flora und Fauna sein, gesehen aus der Perspektive eines Kindes. Ihr alter Freund David Vallade sorgt dafür dass hier eine absolute Alternative zum abstrahierenden »Technikfetischismus« rüberkommt: Die Homepage, das Calix-Land, ist voll von seinen beinahe kindischen Spielereien, Zeichnungen und Figuren. Dazu kommen überall Fliegen und Bienen. Gefragt nach ihrer Faszination für Insekten (siehe das von der Mode-designerin Catherine Haines für sie angefertigte T-Shirt zu »Nunu«, die CD und eben die Homepage), antwortet sie lakonisch: »Sie sind rund um mich und machen die beste Musik«. Schließlich verwendet sie für ihre Releases Phrasen und Wörter, bei denen man nicht weiß, ob sie einer Art fantasievoller Babysprache entstammen oder ist es sich um eine hocharti-fizielle Kunstsprache handelt. »Der Titel »Ilanga« ist ein Zulu-Wort und »Umchanga Locks« ist eine Referenz an einen Ort, den ich als Kind nie aussprechen konnte. Es ist ein Strand nahe Kwazulu Natal, wo ich aufgewachsen bin.«
»Too Slim for Suicide« besticht durch radikale Dichte. Nicht, dass es Calix explizit um die Auseinandersetzung zwischen ihr als Frau und der als nerdige Zwingburg der weißen Jungs verstandenen IDM-Electronica ginge. Hört man sich aber ihre Tracks an, ist man sofort gefangen in ihren sensitiv-persönlichen Soundgeschichten. Das, was sie ausmacht, ist vielleicht ihr Beharren auf dieser Emotionalität, von der einige behaupten, sie sei »dark« und »obskur«, während es für sie »joyful« und »playful« ist. Sie lotet auf »Skimskitta« nicht mehr so ausgiebig das Verhältnis zwischen gebrochenen Rhythmen und Noise aus (wie z.B. auf »Peel-Session«, das, auch wenn es für Calix keine Referenz ist, sich streckenweise so anhört, als hätten Chris& Cosey heftigst mit ihr gejammt), sondern verlegt sich auf lang-anhaltende Stimmungsbögen, die immer wieder von krude-anmutigen Fragmenten (von elektroakustischen Drones bis Piano-Loops, knartzende Clicks'n'Cuts treffen auf elegische Melodiebögen) aufgebrochen werden. Spielerisch vermengen sich Kindermelodien mit wüsten Lärmpartikeln, je abstrakter, desto direkter fahren die 21 Tracks. Dazu diese Stimme von der anderen Seite der nachmittäglichen Fensterscheibe, von der Regen abperlt und die sich zu einem See verwandelt: Das Portrait-Foto Derens aus »Meshes« könnte da eine ideale Visualisierung sein.
»Ich vestehe dieses »Darkness-Ding« schon ein bisschen. Das ist aber sehr lustig, weil ich definitiv ein Sonnenfan bin«, sagt die italienischstämmige Chantal Passamonte.
Seit ein paar Jahren hat sie das Land wieder eingeholt. Sie lebt mittlerweile in der »Steppe« der englischen Ostküste und fährt nur noch nach London, wenn es nicht anders geht. »Ich liebe es. Hier kann man so ewig weit schauen.«
Mira Calix betont: »Meine Musik ist ein sehr persönliches Spielzeug, inspiriert von jedem kleinen Ding das magisch ist.« Hätte sie es nicht selbst gemacht, sollte man ihr »Skimskitta« vorspielen. Diese Platte ist einer dieser kleinen magischen Momente. Und Maya Deren war ja auch nicht ganz unbescholten hinsichtlich solcher Momente...

Mira Calix: Skimskitta. Nunu. Beide: Warp/ Zomba.

PROTOTYPE - Mira Calix
>> www.warprecords.com
>> www.miracalix.com
>> khala

Text: Heinrich Deisl | 16.08.2004

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