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Die symbolischen Ordnungen des Politischen.

Aktuelle Stratageme radikaldemokratischer Transformation.

Text: Alessandro Barberi | 24.06.2001
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Gemeinschaft/Streik 2009 in Paris
© Creative Commons: Jean-François Gornet
»Gott hat sich erschossen, denn im Dachgeschoss wird ausgebaut.«
Einstürzende Neubauten

»The unity of the class is therefore a symbolic unity.«
Ernesto Laclau/Chantal Mouffe

Diskursive Strategien und Taktiken, die aktualiter ihre effektive Umsetzung und Anwendung in unterschiedlichen Repräsentationskämpfen zu erreichen suchen, sehen sich verschiedenen institutionellen und intellektuellen Dispositionen gegenüber, welche die veralteten und eingefahrenen terminologischen Trennungen von Idealismus (Geist) und Materialismus (Ding), von Mittel und Zweck, von Theorie und Praxis, von Entscheidung und Determination und allgemeiner noch: von der Politik und der Gesellschaft nicht zuletzt deshalb obsolet werden lassen, weil die aktuellen Bedingungen des Wissens (Diskursivität, Information, Speichermedien) den ontologischen Durchschlag auf die Transparenz der Arbeits- und d.h. Zeichenwerte nicht garantieren können, sondern vielmehr auf jenes anonyme Rauschen der symbolischen Ordnungen verweisen, auf deren Hintergrund die techno- oder mediologisch codierten Schematismen der Wahrnehmbarkeit allererst auftauchen.

So wie die traditionellen Analysen gesellschaftlicher Realität einer erkenntnistheoretischen und genealogischen Kritik nicht standhalten und so die dogmatische und politisch reaktionäre Struktur ihrer vermeintlich rationalen Ansprüche sichtbar wird, haben - neben anderen - auch jene Modelle der Kritischen Theorie längst an analytischer, deskriptiver und politischer Stringenz sowie Argumentierbarkeit verloren, welche - im Politisieren aller Bereiche der Gesellschaft und vermittelt über die wandelnde Öffentlichkeitsstruktur der kulturindustriellen Medien - die Politik als Instrument im Verhältnis zur unterdrückenden und repressiven Funktion der Herrschaft und der Macht begriffen und deshalb auch genau so verwendeten. Zugunsten einer glücklichen, konfliktfreien und in sich geschlossenen homogenen Gemeinschaft war dabei das zu erreichende Ziel, eben diese Politik abzuschaffen. Eine Gemeinschaft, die oft genug über die Vorgabe eines normativen Konsensus in (Arbeiter-, Frauen- und Grün-) Bewegung gebracht wurde, um am Anfang und am Ende der Geschichte die richterlich urteilende und schöpferisch produktive Funktion eines Gottes in der Maske des Menschenmannes (l'homme) einzunehmen und zu besetzen.

Eine Besetzung, welche - gemäß dieser ideologiekritischen Logik - die einzige Möglichkeit darstellen sollte, Emanzipation zu konstituieren und zu erreichen. Dekonstruktive, psycho- und diskursanalytische, epistemologische oder medienwissenschaftliche Ansätze(1), die im Übersteigen des Gegensatzes von Imaginärem und Realem von symbolischen Ordnungen ausgehen und so in Distanz zur Politik die diskursive Produktion von »Vorstellungen« und »Realitäten« analysieren, um einen analytischen und deskriptiven Apparat zu etablieren, welcher dann in das Politische umgelegt werden kann, wurden dabei im bedeutungsvollen Überschwang einer intellektuell äußerst fragwürdigen Kombination von Hermeneutik und Sozialwissenschaft oft genug ideologisch und bezeichnenderweise gesellschaftskritisch nach rechts außen abgefälscht und stigmatisiert. Damit ging auch die Erweiterung eines Zensurapparats einher, der im Namen einer sozioökonomischen Produktion eben jenen Begriff zur empirischen Tatsache werden ließ, welcher dereinst der höchste moralische Wert des allzugern denunzierten »Bürgertums« gewesen war: Arbeit. Denn gemäß hochkapitalistischer Werbestrategien hieß und heißt der Slogan: Nur wo »Soziales« und auch »Arbeit« drauf steht, ist der Sozialismus drin; und was denn da nicht sein kann, das darf dann auch nicht sein.

Dementgegen etablierten sich in den letzten Jahrzehnten und im Umkreis der politischen Philosophie anhand der genannten analytischen Verfahren und Ansätze radikale und demokratische Analysemodelle, die nicht zuletzt jene Paradoxien aufdecken konnten, die mit den obengenannten Umständen in Zusammenhang stehen. Dies mag hier anhand der Begriffskette >1.Produktion - 2.Konsens - 3.Repräsentation - 4.Gemeinschaft< angespielt werden, um einige Stratageme vor Augen zu führen, deren Logistik im Umgang mit dem Politischen und im Abstand von der Politik zur Axiomatik jeder Diskussion in diversen - nicht nur universitätspolitischen - war rooms gehören könnte:

Produktion

abpo1.jpg1.) Die engste Fassung des Produktionsbegriffs korreliert ihn materialistisch mit jenem der Bedingung. Dies geschieht oft genug entlang einer Philosophie der Praxis, deren Aporie vor allem darin besteht, die epistemologischen Möglichkeitsbedingungen einer sozioökonomischen Argumentation ihrerseits als soziale Möglichkeitsbedingungen auszugeben und anzuschreiben. Dieser Zug diverser Praxeologien hat entlang der partiellen Homonymie von >Sozialismus< und >Soziologie< unter anderem verhindert, den Grund- und Begründungsbegriff der Arbeit durch den differentiellen Begriff der Information zu ersetzen und führte damit auch dazu, den sozialdisziplinierenden Charakter soziologischer Redeweisen aus dem Blick zu verlieren. Im Gegensatz zu einem Leninismus, der erkenntnistheoretische Fragestellungen als Empiriokritizismus(2) stigmatisierte, bleibt die Forderung aufrecht, den an Ernst Mach und Immanuel Kant orientierten Fragestellungen des Austro-Marxismus erneute Aktualität zu verleihen. Dies steht in direktem Verhältnis zur - auch von Marx betonten - Notwendigkeit, radikaldemokratische Strategien im Zusammenhang mit den aktuellen Forschungsergebnissen unterschiedlicher Wissensgebiete zu entwerfen. Dass Ernesto Laclau und Chantal Mouffe 1985 auf diese Notwendigkeit verwiesen, zeigt dahingehend die Belanglosigkeit nationaler Bestimmungen und Grenzen(3).

Konsens

abpo1.jpg2.) Nicht zuletzt ob einer kommunikativen Handlungstheorie, die den Konsens als regulative >Idee< normativ voraussetzt, gilt es nachdrücklich daran festzuhalten, dass es sich bei diesem Kon-Sensus in den Unterhandlungen und Verträglichkeiten des Politischen um ein diskursiv Herzustellendes handelt, das seinerseits im Rahmen der Macht- und Wissensverhältnisse immer hegemonial produziert wird und daher auch werden muß, wodurch die mit dem Übersteigen des für Demokratie notwendigen Konflikts verbundenen Ausschlußmechanismen symbolisch gesetzt werden können. Nur im Anerkennen der prinzipiellen Unmöglichkeit transzendentaler Übereinkunft und in der Betonung des konflikthaften, unharmonischen und agonalen Charakters der Demokratie entgeht man den autoritären Überzogenheiten einer dogmatischen Norm- und Konsensbildung. Übereinstimmung in der Stimmenvielfalt wird dadurch nicht verunmöglicht, aber nunmehr als »zeitweiliges Resultat einer provisorischen Hegemonie (...), als eine Stabilisierung von Macht« erfaß- und anwendbar, die »ihre realen Beschränktheiten«(4) erkennt und anerkennt. Demokratie ist mithin nicht die schleichende und freundliche Umarmung gefühlvoller Humanisten, denn die >Fiktion des Volkes< (Hans Kelsen) - und nicht der >Führer< - herrscht im Notfall auch herrisch.

Repräsentation

abpo1.jpg3.) Als Grund- und Begründungsbegriff der modernen Demokratien ist es dem Term der Repräsentation in seiner juristischen Funktion (Vertretung) eigen, die durch ihn garantierte Souveränität des Volkes eben dadurch parlamentarisch zu legitimieren, dass sie nicht und nichts mit der Souveränität des Fürsten zu tun haben darf. Das Volk bleibt aber über die entscheidende Form der Souveränität negativ an die Figur des Fürsten gebunden. Dahingehend wurde bereits mehrfach gezeigt, dass eben dieses Paradoxon schon das Ereignis von 1789 durchzieht, wenn das französische Volk als Voraussetzung der Verfassung erst durch die Signatur jenen rechtlichen Status erhält, den es als Signatar schon benötigt hätte. Daher auch jene Struktur moderner Demokratien, in welcher das Politische zwischen Repräsentation und Partizipation mannigfaltig aufgeteilt und segregiert wird. Nicht von ungefähr steht diese juristische Funktion in zeitlicher und logischer Korrelation mit der erkenntiskritischen Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Repräsentation (Vorstellung)(5). Zu wissen, wie und wo und weshalb man nicht weiß, wird so zum Ausgangspunkt der Forschungsanalytik und aller aus ihr folgenden Interventionen in die Mannigfaltigkeiten und Imponderabilien des Politischen samt seiner Zerklüftungen.

Gemeinschaft

Paris_May_1968_-_La_lutte_continue.svg.jpg4.) Rund um die Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft wurden und werden homogenisierte Kollektive hergestellt, die linker und rechter Politik als »vorgestellte« oder »reale« Legitimationsreferenten zur Durchsetzung unterschiedlichster Strategien dienen. Ist es auch intellektuell und analytisch mehr als fragwürdig, so kann der reflektierte und ausgehandelte Rekurs auf ein möglichst genau bestimmtes »Wir« im Falle der Aktion im Politischen - und damit im Bereich optionaler Handlungen - symbolisch eingesetzt werden, um strategisch-taktische Effekte zu zeitigen, die jedoch umso wahrscheinlicher eintreten können, als die Konstitutionsbedingungen des Gemeinsamen davor ausdifferenziert wurden. So könnte etwa eine »sich« und die »anderen« differenzierende und delegitimierende symbolische Klasse(6) als Wiedergänger und Gespenst erneut in Europa umgehen, sofern sie kontingent, rekurrent und ereignishaft durch das Symbolische hergestellt wird und in ihm verankert bleibt. Denn: »Dieser Kommunismus schließt sich von jeder gegebenen Gemeinschaft aus und artikuliert eine Kraft, mit der sich die Partikularität in die Gesellschaft exponiert; er artikuliert eine Unterbrechung, die die konstitutive Schwäche und das Paradox einer demokratischen Politik hervortreibt, bejaht und konkretisiert: daß ihr gültiger Anspruch nur im Widerstreit mit sich selbst, an den Abbruchrändern des Universellen und in der Kontingenz des Ereignisses überlebt.«(7)

Die Ankoppelung an verschiedenste Wissensformen der Gegenwart im Rekurs auf erkenntniskritische Fragestellungen, die dekonstruktive Differenzierung des Gemeinsamen, das Nicht-Wissen als analytischer Ausgangspunkt und der Aufbau einer diskursiven Ökonomie im Blick auf eine kommende Medienwissenschaft bilden mithin die aktuelle Ausgangslage strategischer Interventionen in das Politische und ermöglichen seine Transformationen, wenn den Schichten und Stratagemen der symbolischen Ordnungen nachgegangen wird. Nach dem Abbau der Neubauten bleiben Dachgeschosse weiter auszubauen.



Anmerkungen:

(1)Vgl. Claus Pias, Joseph Vogl u.a., (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart 1999.
(2)Vgl. Wladimir Iljitsch Lenin, Materialismus und Empiriokritzismus, Berlin 1989.
(3)Vgl. Ernesto Laclau u. Chantal Mouffe, Hegemony & Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics, London 1985. Des weiteren: Jacques Derrida, Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa, Stuttgart 1992.
(4)Vgl. Chantal Mouffe, Dekonstruktion, Pragmatismus und die Politik der Demokratie, in: dies., (Hg.) Dekonstruktion und Pragmatismus. Demokratie, Wahrheit und Vernunft, Wien 1992, 11-25, hier: 32.
(5)Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1974.
(6)Vgl. dazu die Studien von Claude Lefort in: Ulrich Rödel (Hg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie, Frankfurt am Main 1990. Für Hinweis und Diskussion danke ich an dieser Stelle Meike Schmidt-Gleim.
(7)Joseph Vogl, Einleitung, in: ders., Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, 7-27, hier: 23-24.

Dieser Text ist erschienen in GEZEIT Nr.2/01.
Die GEZEIT ist die Zeitschrift der
Fakultätsvertretung der Geisteswissenschaften an der Universität Wien
und erscheint vierteljährlich.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Bildlegende

1.) Die gläserne Manufaktur von VW in Dresden, © Creative Commons: The original uploader was Henn Architekten MediaLab at German Wikipedia
2.) Handshake, © Creative Commons: François Bianco
3.) Europäisches Parlament, © Creative Commons: Alina Zienowicz Ala z - Eigenes Werk
4.) La lutte continue, © Creative Commons: PublicDomainVectors


Text: Alessandro Barberi | 24.06.2001

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