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Fennesz

Text: Ronald Hartwig | 08.11.1996
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Grenzgängertum, die Verbindung des Alten mit dem Neuen, pure Musik als Antwort auf unüberschaubare Techno- und Ideo-logien, und das alles auf internationalem Niveau. Höchste Zeit für ein Portrait des Ex-Maische-Gitarristen Christian Fennesz.

Wien, Spätsommer 1996. Eine Musikszene im Wandel: Elektronik und Tanzmusik boomen wie nie zuvor, während es sich die diversen Veranstalter wohl auch im Herbst dreimal überlegen werden, ob sie diese oder jene Gitarrenband noch booken sollen - der Publikumsschwund ist beträchtlich. Mit-»Schuld« an dieser Entwicklung war ein feines Festival des Veranstalterduos Kurzmann/Rantasa Ende letzten Jahres: »Phono.taktik« beschäftigte sich ausschließlich mit Ambient Music und versammelte an durchwegs ungewöhnlichen Schauplätzen die crème de la crème dieser Sparte, ergänzt von heimischen Acts. Ermutigt vom Überraschungserfolg beschloss man, ein halbes Jahr später ein weiteres Festival zu veranstalten, das gleichzeitig Fortsetzung und Kontrapunkt von Phono.taktik werden sollte. Bei »Hyperstrings - the Use of Guitars« ging man der Frage nach, wie zeitgemäß die Verwendung der Gitarre heutzutage überhaupt noch ist. Ein Musiker spielte auf beiden Festivals, und beide Male passte er rein wie in einen japanischen Maßanzug: Fennesz.

Musikgeschichte

Christian Fennesz, geboren im Burgenland, aber schon lange in Wien ansässig, machte zum ersten Mal mit der Band Maische auf sich aufmerksam. Das Gitarre/Bass/Schlagzeug-Trio formierte sich 1989 und erlangte, getragen von (berechtigterweise) euphorischen Kritiken der Wiener Musikpresse, innerhalb kurzer Zeit einige Bekanntheit. Ihre grenzüberschreitende Mixtur aus Rock-, Pop-, Jazz- und Ethno-Elementen, ihre Art, Strukturen aufzulösen und diese dann zu bizarren Fragmenten wieder zusammenzusetzen, ohne dass das Ganze auch nur im Entferntesten konstruiert klang, ist heute ganz gut mit der Arbeitweise der Chicagoer Tortoise zu vergleichen, dank intensiver Live-Shows und zweier selbstproduzierter Alben wurden sie - neben Attwenger und den Extended Versions - Protagonisten des österreichischen Independent-Booms der frühen Neunziger Jahre, wahrend dem schon mal 500 Leute ein Ösi-Konzert besuchten.

Doch scheiterte man an der damals unterentwickelten Infrastruktur, die ein Weiterkommen fast unmöglich machte. Der Sprung ins Ausland misslang: Das Hamburger L'Age d'Or-Label ließ den sichergeglaubten Plattenvertrag im letzten Moment platzen. Wenn nichts weitergeht, gewinnt der Frust die Oberhand, und so lösten sich Maische letztendlich wegen persönlicher Differenzen auf.
Damit war das Kapitel »Bands« für Fennesz abgeschlossen. Von nun an widmete er sich seiner neuen Lieblingsbeschäftigung, dem Sampling. Nicht zuletzt um ein finanzielles Standbein zu schaffen, nahm er diverse Auftragsarbeiten wie Musik für Dokumentarfilme, Tanzperformances usw. an und kollaborierte mit dem Wiener Avantgarde-Musiker Max Nagl, den er den »Österreichischen Fred Frith« nennt. Sogar eine Art »elektronisches Oratorium« führte er im mittlerweile aus anderen Gründen bekannten Oberwart auf. Schon damals produzierte Fennesz - mehr zum Spaß - Techno-tracks, blieb aber in der zu dieser Zeit völlig isolierten Wiener Techno-Szene eine beobachtende Randfigur. Erst als Ambient und New Electronic Music aufkamen, Richtungen also, die wieder experimentierfreudiger und offener für Grenzgängertum waren, war für Fennesz die Zeit gekommen.

Work in Process

Neben der Hinwendung zur Sampling-Technologie bewahrte und nützte Fennesz aber auch alte Stärken. Anders als viele andere Techno-Umsteiger aus der Independent-Szene, die ihre Fenders und Marshalls verkauften, bezieht er die Gitarre in den Musik-Prozess mit ein. Fennesz: »Am Anfang habe ich das sehr intensiv betrieben, dass ich einfach zwei Stunden Gitarrenexperimente und Feedback-Lärm auf DAT mitgeschnitten habe. Im Studio habe ich die Sachen, die interessant waren, rausgesucht und dann mit dem Sampler weiterverarbeitet. sozusagen den Live-Sound transformiert aufs Studio
Inzwischen ist die Vorstellungskraft soweit gediehen, dass er sich den Proberaum sparen kann. Er weiß, wie er gewisse Effekte erzielen kann und geht oft mit der Gitarre gleich direkt in den Sampler. »Aber grundsätzlich ist es immer noch so, dass ich von einer Improvisation ausgehe und dann versuche, eine Struktur zu finden. 70% entsteht so, der Rest ist geplant«.
Diese Art der Musikproduktion in mehreren aufeinanderfolgenden Prozessen (denen er übrigens beim Live-Spielen noch einen weiteren hinzufügt) erinnert and die letzten Werke des amerikanischen Avantgarde-Musikers Bob Ostertag, den Fennesz nur vom Hörensagen kennt. Sein Arbeitsgerät kennt er aber gut: »Der hat denselben Sampler. eigentlich ist er nichts besonderes, aber er kann ein paar Sachen, die andere nicht können. Wenn man die Loops klein genug macht, beginnt er zu spinnen und spuckt nach dem Zufallsprinzip irgendwelche Speicherinhalte aus, programmierte Fehler gewissermaßen«.
Freudsche Fehlleistungen eines Blechtrottels als digitales Pendant zu unkontrollierten Feedback-Ausbrüchen in der Gitarrenmusik. Ein Hauch von Rock'n'Roll im Digiland?

Die Gitarre und das Mehr

Das Konzept der Selbstbeschränkung auf gesampelte Gitarrensounds sieht Fennesz als »sein« Ding an, das er weitgehend durchzieht. eine Klangwelt, in der er sich auskennt, eine Fülle von Möglichkeiten, die für ihn auch noch lange nicht ausgeschöpft sind. Bis heute besitzt er keinen der derzeit so beliebten Analog-Synthesizer. Die Rehabilitation der Korgs, Moogs und Rolands überlässt er anderen. Selbst die Percussion-Sounds auf seinen Stücken kommen grossteils von der Gitarre, oder entstehen als digitaler Schluckauf seines eigenwilligen Samplers.
Die Beschränkung auf Gitarre und Sampler bleibt aber auch schon die einzige Vorgabe. Musikalisch pflegt er - ganz wie bei Maische - den unbeschwerten Umgang mit den verschiedensten Stilen. Ob Dub, Jungle, Ambient-Sounds im Geist von Brian Eno, Beinahe-Rock-Riffs oder Folk-Fetzen, alles wird genommen, wenn es grade passt und geht trotzdem auf im Fennesz'schen Klanguniversum. Auch für ihn selbst blieb die Stilgrenzen überschreitende Grundhaltung dieselbe:
»Es haben sich nur die Produktionsmittel geändert, man entwickelt sich sowieso immer weiter, lotet aus. Für mich war das ganz natürlich. Wenn man sich ein Studio leisten kann, arbeitet man einfach anders, die Produktionsmittel bestimmen dann auch gezwungenermaßen den Sound. Aber im Prinzip sind es dieselben Prämissen, von denen man ausgeht. Ich mache genauso eine Primitiv-Techno-Nummer, wenn ich Spaß dran habe, oder etwas Orchestrales. Ich bin überhaupt kein Purist in der Beziehung«.

Popkultur in Mikronesien

Dieselbe Unbeschwertheit setzt sich auch in der Kompositionsweise fort. Monotones Übereinanderschichten von Sounds vermischt sich mit konventionellem Songwriting bis hin zu fast sinfonischen Strukturen.
Fennesz: »Bei der elektronischen Musik ist einfach alles drin, inklusive der traditionellen Möglichkeiten: ich wollte immer schon hören, wie es z.B. klingt, wenn acht Gitarren zugleich einen Ton spielen, und jede Gitarre ist um einen Bruchteil eines Halbtones verstimmt. Hier kann man das machen. Natürlich fällt man dann ein bisschen rein und will das auschecken«.

Die Mikrotonalität - also das Verbinden von Intervallen, die kleiner als Halbtonschritte sind, sind ein Charakteristikum asiatischer Folklore. Fennesz, der regelmäßig seinen Bruder in Indonesien besucht, ist fasziniert von den dortigen Gamelan-Orchestern, deren Konzerte angeblich - unverstärkt! - lauter sind als westliche Rockkonzerte und deren Kompositionen mittels eigener Notenschrift akribisch niedergeschrieben sind. Auch die Stücke des amerikanischen Komponisten Charles Ives, der drei, vier Musiken gleichzeitig nebeneinander laufen lässt, bringen Fennesz' Augen zum Leuchten:
»Das ist Soundarbeit. Dub! Der entwickelt eine eigene Sprache, eine Meta-Ebene. Man hört Melodien, die nur dadurch entstehen, dass verschiedene Dinge zusammenkrachen
Trotzdem sieht er sich selbst als astreinen Popmusiker. so ist er auch bei der AKM eingestuft: Sparte Unterhaltungsmusik. Das bedeutet weniger Tantiemen, bringt aber auch seine Haltung zum Ausdruck, nicht in irgendeinem Hochkultur-Ghetto verenden zu wollen, sondern lebendige Musik zur Zeit zu machen, die gehört wird.

Lebhaftes Knöpferldrehen

»Als ich begann, im Studio zu arbeiten, habe ich nie daran gedacht, das auch live aufzuführen. Aber dann kam das Angebot, beim Phono.taktik-Festival in Wien zu spielen und ich musste mir überlegen, wie ich das anpacke. So einfach dastehen und ein paar Knöpfe drehen und die Leute fadisieren sich, das kann's ja nicht sein. Also hat ein Freund von mir ein Video zur Musik live manipuliert. So war das für mich akzeptabel. Dann sind aber immer wieder Angebote gekommen. Inzwischen habe ich da mehr Erfahrung, beherrsche das Equipment besser. Jetzt ist es so, dass ich schon total zu Improvisieren beginne, Effekte übersteuere, Loops live mache, dann wieder eine fixe Nummer nachschiebe und die wieder überblende. Aber vorerst ist einmal Schluss mit dem Live-Spielen. Produzieren im Studio ist mir wichtiger.«

Die Megonnection

In einer so kleinen Großstadt wie Wien, das sich nicht zwischen Schrumpf- und Wasserkopf entscheiden kann, passiert es zwangsläufig, dass sich Gleichgesinnte über den Weg laufen, und so stieß Fennesz auf das Label Mego. Dabei waren die Weichen für einen internationalen Plattenvertrag schon gestellt: Vor zwei Jahren fand Colin Newman, New-Wave-Veteran und Ex-Mitglied der Band Wire, Gefallen an einem Demo-Tape und bekundete sein Interesse, den einen oder anderen Track auf seinem »Swim«-Label zu veröffentlichen. doch die Sache schleppte sich wieder einmal ohne konkrete Zusage dahin, ein in England produzierter Remix gefiel Fennesz nicht besonders. Es blieb bei einer Fülle nirgendwohin führender Ferngespräche.
Mego nahm sich schließlich der Sachen an und brachte vor einiger Zeit die Maxi »Instrument« raus. Heute ist Fennesz mit der Verbindung höchst zufrieden:
»Die Sache mit Mego ist im Moment optimal für mich. da brauche ich nur rüber ins Büro zu gehen und kann alles checken. Mego vertreibt international, hat einen guten Namen und super Kontakte. Die sind im Ausland eigentlich sogar noch präsenter als hier. 90% der Auflage wird im Ausland verkauft. Demnächst eröffnen sie ein Büro in Amerika
Auf Mego soll im Herbst die erste CD von Fennesz erscheinen.
Ab und zu kooperiert Fennesz auch mit dem Wiener Syntactic-Label, dem Spezialisten für obskure Sammlerstücke im Kleinstauflage. Dort erschienen unlängst die zwei für Swim gedachten Tracks auf Single, natürlich in der unremixten Urversion.

Ein Standbein als Zubrot

Neben dem unter »Fennesz« (sprich es, als wäre das 'z' gar nicht da) firmierenden Eigen-Output erfreut sich Christian Fennesz nach wie vor and diversen Nebenjobs, wie dem Produzieren anderer Acts (die erste Play The Tracks Of-CD), dem Remixen (»Friends« auf der letzten Extended-Versions-Maxi) oder dem Komponieren von CD-ROM-Soundtracks:
»Das taugt mir ziemlich. Jemand, der weiß, was ich mache, engagiert mich für einen Musik-Job und bezahlt mich dafür. Leider ist der Markt sehr klein, und ich bin da nicht so drinnen. Wenn es geht , möchte ich dieses Standbein aufrechterhalten. Im Moment hat die CD für Mego aber Priorität

Quo Vadis?

Kann er sich vorstellen, noch einmal mit der Gitarre um den Hals auf der Bühne zu stehen? Fennesz: »Durchaus. Das hängt ganz von den Umständen ab. Ich mache jetzt gerade wieder einen Bogen zurück zur akustischen Musik, die dann natürlich auch elektronisch manipuliert wird. Akustische Instrumente in Echtzeit mit elektronischen Sachen vermischen, genau das interessiert mich im Moment

Text: Ronald Hartwig | 08.11.1996

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